
Mit Eröffnung einer Straßenbahnlinie begann im Januar 1921 in Dorsten eine neue Ära der Verkehrsgeschichte. Wie sie weiterging, wann und warum sie endete.
Die Fahrgäste, die in das mit Birkengrün geschmückte Schienenfahrzeug stiegen, wurden mit einem Schnaps und einer Flasche Bier begrüßt. Noch einmal „Einsteigen bitte“. Dann „Fertigmachen zur letzten Fahrt“. Und mit einem „Kling-kling“ setzte sich der im Volksmund sogenannte „Grüne Fisch“ in Bewegung.
So dokumentierte die Dorstener Volkszeitung in ihrem Artikel das Ende einer Ära in Dorsten – am 29. Mai 1960 wurde nämlich der Abschied von der damals lindgrün lackierten Straßenbahn eingeläutet. Und damit von einem wichtigen Kapitel der Verkehrsgeschichte der Lippestadt.
Die Beschäftigung mit dem Thema „Straßenbahn“ ist derzeit wieder in Mode: Der in der Stichwahl unterlegene SPD-Landratskandidat Karsten Schneider ging bei der letzten Kommunalwahl 2025 mit der Forderung in den Wahlkampf, einige aufgegebene Straßenbahnlinien im Kreis Recklinghausen reaktivieren zu wollen.
Und die Ausstellung „125 Jahre Vestische Straßenbahnen Gesellschaft“, die derzeit vorbereitet wird, wird von Mai bis Juli 2026 faszinierende historische Exponate und Bilder aus der Zeit zeigen, als auch zwischen Dorsten, Marl und Recklinghausen eine Straßenbahn in Direktverbindung über die Schienen ruckelte – und das bereits seit dem Jahr 1921.
Urkunden im Stadtarchiv
Dorstens Stadtarchivar Martin Köcher hat aus solchen alten Zeiten einige Exponate in seinem Fundus: einen Übersichtsplan der „Vestischen Kleinbahnen“ aus dem Jahr 1940, in dem auch die damalige Linie 6 von Dorsten ins Vest eingezeichnet ist.
Dazu einige Postkarten mit Straßenbahnmotiven aus Dorsten, ein reich verziertes Bild samt ausgewählten Urkunden, die am 24.11.1921 von der Stadt Recklinghausen zur Eröffnung der Straßenbahnverbindung der Stadt Dorsten geschenkt wurden – und ein Foto von der Eröffnung der Straßenbahn vom 31. Januar 1921 mit den damaligen stolzen Honoratioren der beteiligten Städte.
Als Dorsten tags darauf, am 1. Februar 1921, mit der Premierenfahrt an das vestische Straßenbahnnetz angeschlossen wurde, war dies ein bedeutender Schritt für die verkehrliche Entwicklung der Stadt. Mit der Inbetriebnahme der elektrischen Straßenbahnlinie von Marl bis zum Dorstener Bahnhof erhielt Dorsten erstmals eine direkte schienengebundene Verbindung zu den Nachbarstädten im Vest.
Alternative zur Eisenbahn
Die Planungen für die Anbindung reichten bereits in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Das Nahverkehrsunternehmen „Vestische Kleinbahnen“ verfolgte das Ziel, sein Streckennetz systematisch auszubauen und eine leistungsfähige Alternative zur Eisenbahn zu schaffen.
Nach 1918 wurden diese Überlegungen wieder aufgegriffen. Besonders der wachsende Berufsverkehr zwischen den Industriestandorten des Vestes machte neue Verkehrslösungen notwendig.
Der Straßenbahn-Fan und Autor Ludwig Schönefeld hat auf einer höchst informativen Homepage, vestischer-nahverkehr.de, diese Historie aufgearbeitet – und auch der Geschichte der Dorstener Straßenbahn breiten Raum eingeräumt. Der 1921 neu eröffnete Abschnitt von 8,3 Kilometern Länge wurde zunächst als Linie 6 betrieben und verlängerte damit die schon seit 1915 bestehende Strecke zwischen Recklinghausen und Marl.
Die Strecke war demnach eingleisig ausgeführt und verlief größtenteils auf einem eigenen Bahnkörper auf der Nordseite der heutigen Bundesstraße 225 (in Dorsten: Marler Straße). Die Fahrzeit von Recklinghausen nach Dorsten betrug 49 Minuten.
Schon bei der Errichtung der Strecke blickten die Planer über Dorstens Stadtmitte hinaus. Eine Weiterführung der Straßenbahn über die Lippe nach Hervest war vorgesehen, insbesondere mit Blick auf das Bergwerk Fürst Leopold. Beim Bau neuer Brücken über den Wesel-Datteln-Kanal im Jahr 1925 wurden entsprechende Gleise bereits mitverlegt. Trotz dieser baulichen Vorleistungen wurde die Verlängerung letztlich nicht realisiert. Die vorbereiteten Gleisanlagen wurden später wieder entfernt. Es blieb bei Busverbindungen, deren Haltestelle sich damals auf dem Dorstener Marktplatz befand.
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