Als 750 österreichische Nazis jahrelang in Dorsten lebte

Ein Lager für 750 Männer entsteht 1935 in Dorsten (von DZ: Michael Klein - 31.08.2026)


Dorsten. Eine österreichische NS-Legion wird ausgebildet – Ort von Drill, Frust und enger Verbindung zur Stadt.

Hunderte junge Männer kommen am Bahnhof in Dorsten an. Sie marschieren durch die Stadt zum Marktplatz, örtliche Nationalsozialisten begrüßen sie, der Bürgermeister nimmt ihre Parade ab. Viele Dorstener stehen am Straßenrand, darunter zahlreiche Kinder. Historische Fotos dokumentieren dieses Geschehen, dokumentieren diesen 26. Juni 1935 in der Lippestadt.

Es ist der Beginn eines heute wenig bekannten Kapitels der Stadtgeschichte. Drei Jahre lang lebten am Hammer Weg, nahe der Schleuse, österreichische Nationalsozialisten.

Das Barackenlager war für 750 Männer ausgelegt. „Dorsten war ein ziemlich großes Lager der österreichischen Legion“, sagt der Historiker Dr. Marius Lange.

Lange stellte seine Forschungen kürzlich auf Einladung des Vereins für Orts- und Heimatkunde im Alten Rathaus vor. 2022 hatte er zu dem Thema das 400 Seiten starke Buch „Stellt die Pfaffen an die Wand! Die Österreichische Legion im Münsterland 1935–1938“ vorgestellt. Der Ort des Vortrags passte überraschend gut zum Thema. Denn 1935 wurde sogar darüber nachgedacht, den Stab der Dorstener Einheit im Alten Rathaus unterzubringen. Der Plan scheiterte am Platz.

„Wurden hier militärisch ausgebildet“
Die Vorgeschichte spielt in Österreich. Dort war die NSDAP seit 1933 verboten. Rund 15.000 österreichische Nationalsozialisten emigrierten deshalb zwischen 1933 und 1938 ins Deutsche Reich. Sie wurden in der der SA unterstellten „Österreichischen Legion“ organisiert. Ihr Ziel war keineswegs ein dauerhaftes Leben im Exil.

„Die wollen ihre Heimat Österreich erobern und werden hier auch in Dorsten militärisch ausgebildet“, sagt Lange. Die Legionäre verstanden sich als künftige „Befreier“, die nach Österreich zurückkehren und dort die Macht übernehmen wollten.

Ihre Nähe zur österreichischen Grenze wurde für die deutsche Reichsregierung zum außenpolitischen Problem. Deshalb wurden Einheiten weit in den Nordwesten verlegt. Ab Februar 1935 entstand in Dorsten das „Lager an der Schleuse“. Der Zeitdruck war groß. „Man stellt sogar Scheinwerfer auf, um nachts arbeiten zu können“, berichtet Lange.

Es entstand eine kleine Barackenstadt mit Schlafräumen, Speisesaal, Küche und weiteren Einrichtungen. Auch einen Schießstand gab es. Die Männer wurden mit Waffen ausgebildet und ideologisch geschult. Antisemitische Darstellungen und nationalsozialistische Wandsprüche gehörten nach Langes Forschungen zum Alltag.

Privatsphäre gab es dagegen kaum. Die meist jungen Männer schliefen in Stockbetten und verbrachten einen großen Teil des Tages miteinander. „Die sind eben nur in ihrer Bubble, würde man heute sagen“, beschreibt Lange diese abgeschottete Welt.

Dorsten versprach sich Geschäfte
Die Unterbringung der Männer hatte für Dorsten auch eine wirtschaftliche Seite. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise waren noch spürbar. Hunderte zusätzliche Bewohner bedeuteten Aufträge.

„Man hat gehofft, durch die Stationierung von 750 Nationalsozialisten das Leben der Wirtschaft anzukurbeln“, sagt Lange. Jeder brauchte ein Bett, eine Matratze und Decken, Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs. Nach seinen Recherchen sollte die Versorgung über Dorstener Unternehmen erfolgen. Örtliche Handwerker bauten das Lager mit auf.

Wer die Anlage eigentlich finanzierte, wollte ein Zuhörer wissen. Lange antwortete trocken: „Ihre Vorfahren, also die Steuerzahler, haben das bezahlt.“ In den Akten sei sogar von Verschwendung und Korruption die Rede. Bemerkenswert für 1935: Das Lager verfügte bereits über eine Zentralheizung.
Legionäre gehörten zum Alltag

Die 750 Männer blieben aber nicht hinter dem Lagertor. Sie marschierten durch die Straßen, besuchten Kneipen, trieben Sport und wurden bei Veranstaltungen eingesetzt. Die Legionskapelle spielte auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus und bei Dorstener Schützenfesten.

„Die waren überall dabei und prägten das Bild der Städte, wo sie untergebracht worden waren, in diesen Jahren ganz gewaltig“, sagt Lange. Wenn die Männer in Stiefeln und im Gleichschritt durch Dorsten zogen, sei das zugleich „eine Machtdemonstration“ gewesen.

Gerade die kleinen Geschichten aus dem Lagerleben machen deutlich, wie stark sich die Lebenswelten berührten. Lange besitzt etwa Fotos, auf denen sich Legionäre verkleidet haben und durch das Dorstener Lager laufen. „Ich weiß nicht, ob sie da Karneval spielen oder irgendetwas anderes machen“, sagt er. Wahrscheinlich habe es auch eine Lagerbibliothek gegeben. Freizeit musste organisiert werden – nicht zuletzt, damit die Männer beschäftigt blieben.

Einzelne Legionäre waren zudem in Dorstener Sportvereinen aktiv, andere bildeten eigene Lagermannschaften. Und zu Weihnachten wurde die Bevölkerung nach Langes Angaben sogar gebeten, Legionäre in Familien aufzunehmen. Sie sollten nicht allein im Lager sitzen, sondern, wie der Historiker es formuliert, mit „unter den heimischen Tannenbaum geholt werden“.

Damit waren die Männer nicht nur eine anonyme Gruppe hinter einem Zaun. Sie wurden zu Nachbarn, Kunden in Geschäften, Gästen in Gaststätten und teilweise Vereinskameraden. Manche verließen die Legion und suchten sich zivile Arbeit. Auch Beziehungen zu Dorstener Frauen und spätere Eheschließungen hält Lange für wahrscheinlich, hat sie für Dorsten bislang aber nicht systematisch untersucht. Die Heiratsregister könnten dazu noch Aufschluss geben.

Im Lager selbst herrschte militärischer Drill. Die Legionäre erhielten weltanschaulichen Unterricht, militärische Ausbildung und wurden zu sogenannten Einsatzdiensten geschickt. Doch der erhoffte Marsch nach Österreich kam nicht.
Beschäftigungstherapie für Frustrierte

„Die Legionäre fristeten hier eigentlich ein völlig überflüssiges Dasein“, beschreibt Lange ihre Lage. Der Lageralltag sei letztlich einer „Beschäftigungstherapie“ gleichgekommen. Sport, Übungen und öffentliche Einsätze sollten möglichst wenig freie Zeit lassen.

Die Frustration nahm dennoch zu. Die Männer wollten zurück zu ihren Familien oder ein eigenes Leben beginnen.

Manche gaben ihren geringen Sold in den Kneipen aus. Die Mischung aus jungen Männern, Kasernierung, Frust und Alkohol sei „keine sonderlich gute Kombination“ gewesen, sagt Lange. Im Oktober 1937 lebten nur noch rund 370 Legionäre im Dorstener Lager.

Andernorts im katholischen Münsterland führte die Gewaltbereitschaft der Legionäre zu schweren Übergriffen auf Menschen und kirchliche Einrichtungen. Selbst ein NSDAP-Kreisleiter bezeichnete Teile der Legion laut Lange als „Terrorgruppe“.

Für Dorsten fand der Historiker keine vergleichbar eindeutigen Belege. Bekannt seien Hinweise auf Schlägereien zwischen Einheimischen und „auswärtigen Personen“. Ob es tatsächlich Legionäre waren, ist nicht sicher. „Ich habe versucht, ähnliche Ausschreitungen auch für Dorsten zu finden, war da nicht sonderlich erfolgreich“, sagt Lange. Hier könnten lokale Quellen noch Überraschungen bereithalten.

Ein vergessenes NS-Mahnmal im Lager
Eine Entdeckung gelang Lange selbst durch historische Fotos: Auch im Dorstener Lager stand ein Mahnmal für österreichische Nationalsozialisten, die beim gescheiterten Putsch im Juli 1934 ums Leben gekommen waren. Eine Gedenkplatte erinnerte an die „toten Kameraden aus Österreichs Freiheitskampf“.

Auf Aufnahmen ist der damalige SA-Chef Viktor Lutze am Dorstener Mahnmal zu sehen. Lange interpretiert die Anlage auch als Instrument zur Disziplinierung: Die frustrierten Männer sollten durchhalten und darauf vertrauen, dass ihre Stunde noch kommen werde.

Was aus dem Mahnmal wurde, ist unbekannt. Lange hält es für möglich, dass Teile später auf dem Gelände vergraben wurden. Das ist allerdings eine Theorie, kein belegter Befund.

„Straße wurde umbenannt“
Im März 1938 war das jahrelange Warten plötzlich vorbei. Mit dem sogenannten „Anschluss“ wurde Österreich Teil des Deutschen Reiches – allerdings ohne den militärischen Einsatz der Legion.

Aus Sicht der Männer stand damit die bittere Erkenntnis im Raum, dass die Jahre in Dorsten, wie Lange es ausdrückt, „eigentlich vollkommen für die Katz“ gewesen waren.

In Sonderzügen verließen die Legionäre Dorsten. Die Nationalsozialisten setzten ihnen dennoch ein sichtbares Zeichen: Der Hammer Weg wurde in „Straße der österreichischen Legion“ umbenannt.

Das Lager blieb bestehen. Zunächst nutzte die Wehrmacht die Anlage als Übungslager. Nach Kriegsbeginn wurde daraus ein Kriegsgefangenenlager.

„Ein Ort mit einer großen Geschichte“
Nach dem Krieg veränderte sich das Gelände stark. Doch offenbar überdauerten Teile der alten Anlage. Lange konnte noch eine Baracke betreten. Dort habe er alte Türen und Fenster sowie Wandinschriften früherer Bewohner gesehen. Welche historische Substanz heute noch vorhanden ist, müsste überprüft werden.

Gerade deshalb wirbt Lange dafür, den Ort stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. „Es ist ein Ort mit einer großen Geschichte“, sagt er. Aus seiner Sicht wäre sogar eine museale Nutzung denkbar. Sein Appell: ein „größeres Augenmerk auf diese Lagergeschichte“ und auf das zu richten, „was noch da ist“.

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