Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.
Wer war Ferdinand von Raesfeld?
Josef Ulfkotte
[1.Vorsitzender des Vereins für Orts- und Heimatkunde und Mitglied im Arbeitskreis Freiherr Ferdinand von Raesfeld]
Dorsten in Westfalen – der Geburtsort Ferdinand von Raesfelds
[Nachwort zu: Ferdinand von Raesfeld: Aus jungen Tagen. Erinnerungen an Heimat und Jugend, Neuausgabe auf Grundlage der Neuausgabe von 1920 (Verlag) J. Neumann, Neudamm), Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co., Stuttgart 2001, S. 264 – 267.]
Ferdinand von Raesfeld wurde am 29. September 1855 in der westfälischen Stadt Dorsten geboren. Sein Vater, der Sanitätsrat Albert von Raesfeld, hatte sich hier als Arzt niedergelassen und stand bei den Bürgern in hohem Ansehen. Die Familie wohnte in der Blinde Straße (heute Usulastraße)/Ecke Kirchplatz, also in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirche St. Agatha, die wahrscheinlich im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Dem Elterhaus gegenüber stand an der Ecke Blinde Straße/An der Vehme das imposante Haus des reichen Kaufmanns Reischel, seines Großvaters mütterlicherseits. In früherer Zeit residierte hier der Vertreter des Erzbischofs von Köln. Der gewaltige Turm mit dem Zwiebelzwischensatz war für Reisende schon aus großer Entfernung zu sehen. Natürlich reizte es den jungen Ferdinand, den hohen Turm der „chrossen Kirche“ zu besteigen und sich die mächtigen Glocken aus der Nähe an zu sehen.
Die Elementarschule (heute Agathaschule) lag gleich nebenan, so dass ihm ein längerer Schulweg erspart blieb. Das änderte sich auch nicht grundlegend bei seinem Wechsel zum Gymnasium Petrinum, das er von 1865 bis 1872 besuchte. Die Schule lag damals am Westwall und war fußläufig in weniger als fünf Minuten zu erreichen. Viele Streiche, an die er sich noch im fortgeschrittenen Alter gut erinnern konnte, stehen mit der Schule und der angrenzenden „Paterskirche“ in engem Zusammenhang.
Die räumliche Nähe des Gymnasium zum Franziskanerkloster deutete noch auf die enge Verbindung zwischen der höheren Schule und dem Orden hin, der das geistige und kulturelle Leben der Stadt seit 1488 prägte. Damals hatte Pater Antonius von Raesfeld, ein Vorfahre Ferdinands, der zu der Zeit Guardian in Leiden war, die Beilegung einer Fehde zwischen seinem Bruder, dem Ritter Goswin von Raesfeld zu Ostendorf und der Stadt bewirkt. Die ehemals verfeindeten Parteien gründeten das hiesige Kloster als „Pfand des Friedens“, dessen erster Obere Pater Antonius war. Als Dorsten, das 1251 vom Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden zur Stadt erhoben worden war, im Dreißigjährigen Krieg von den Hessen besetzt und zu einer Festung ausgebaut wurde, mussten die Franziskaner die Lippestadt verlassen. Nachdem die Kaiserlichen den Platz für die katholische Partei zurückerobert hatten, kehrten sie zurück und gründeten 1642 gemeinsam mit der Stadt das Gymnasium Petrinum, das sie bis 1837 leiteten. In einer alten Handschrift ist darüber zu lesen: „Als es während des Dreißigjährigen Krieges sehr schwierig und kostspielig wurde, die Bürgersöhne zu den auswärtigen gelehrten Bildungsanstalten zu schicken, kam dem Senat und Volk zu Dorsten der gute Gedanke, in ihrer Stadt ein Gymnasium zu errichten, das Lehramt und die Leitung aber den Klostergeistlichen zu übertragen, damit die einheimischen Kinder ohne große Kosten und unter den Augen der Eltern in der lateinischen Sprache, den guten Sitten und besonders im rechten Glauben unterrichtet und die auswärtige Jugend zu demselben Zwecke und zum Vorteile der Bürger angelockt werden könne.“
Während viele Klöster im Zuge der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgelöst wurden, konnten die Franziskaner ihre Niederlassung in Dorsten aufrecht erhalten, weil sie das Gymnasium unterhielten. Nach dem Wiener Kongreß fiel die Stadt, die bis 1803 dem Erzbischof von Köln zum Landesherrn hatte, endgültig an Preußen. In den ersten zehn Jahren der preußischen Herrschaft versuchten die Franziskaner, für ihre Schule die Anerkennung als Vollgymnasium im Sinne der preußischen Lehrverfassung zu erreichen. Aber die finanziellen Mittel der Stadt reichten dafür nicht aus, so dass sie 1823 den Status eines Progymnasiums erhielt, während die Lehranstalten in den Nachbarstädten Coesfeld und Recklinghausen in Vollanstalten umgewandelt wurden, die damit die Berechtigung hatten, ihre Schüler zum Abitur zu führen. Ferdinand von Raesfeld besuchte nach der Obersekunda (heute Klasse 11) noch zwei Jahre das Gymnasium in Coesfeld und bestand hier 1874 sein Abitur.
Die Mädchen in seinem Alter wurden seit 1699 von den Ursulinen unterrichtet, die sich jeden Morgen auf den Weg zu den Unterrichtsräumen an der Blinde Straße aufmachten. Ihre erste Niederlassung im deutschen Sprachraum gründeten die Ursulinen 1639 in Köln, wo nach der Legende die hl. Ursula mit ihren Gefährtinnen in frühchristlicher Zeit ermordet wurde. Von dort aus verbreitete sich der Orden, der 1535 von der hl. Angela von Merici in Brescia gegründet wurde, schnell in allen deutschen Ländern. Er eröffnete Pensionate und Elementarklassen, aus denen sich später die höheren Töchterschulen als Vorläufer der gymnasialen Ausbildung für Mädchen und die Volkschulen für Mädchen herausbildeten. In Dorsten besuchten in den 1840er Jahren etwa 100 Schülerinnen aus der näheren und weiteren Umgebung ihren Unterricht.
Als Ferdinand von Raesfeld von der Elementarschule zum Gymnasium Petrinum wechselte, hatte die Stadt etwa 3.300 Einwohner. Die Bevölkerungszahl war damit gegenüber 1816 um rd. 1000 gestiegen. Bis in die 1860er Jahre spielte der Schiffbau in der kleinen Hansestadt noch eine große Rolle und war neben dem Textilgewerbe der einzige Erwerbszweig von überörtlicher Bedeutung. Hier gefertigte Schiffe wurden in die Niederlande exportiert und fuhren auf Lippe, Rhein und Ruhr. Zumeist wurden kleinere Kähne gebaut, die sich nur für die Lippeschifffahrt eigneten, doch wurden auch größere Schiffe mit einer Länge bis zu 120 Fuß und 10.000 Zentner Tragfähigkeit hergestellt. Die Anzahl der im Schiffbau beschäftigten Personen erhöhte sich von 100 im Jahre 1831 auf 140 bis 160 um 1860. Die nach 1816 in Angriff genommene „Kanalisierung“ der Lippe, die im Zuge der mittelalterlichen Territorialpolitik im Jahre 1322 als Grenze zwischen dem Oberstift Münster und dem Vest Recklinghausen festgesetzt worden war, führte zu einem Aufschwung des Handels, denn der Unterlauf von Wesel bis Dorsten konnte jetzt auch von Rheinschiffen befahren werden. Bei der Talfahrt wurden in erster Linie Holz und Salz, ferner Eisenerze, Eichenlohe und Kaufmannsgüter transportiert, bei der Bergfahrt neben Kaufmannswaren hauptsächlich Ziegelsteine. Mitte der 1850er Jahre zeichnete sich aber das Ende der Lippeschifffahrt ab. Der unregelmäßige Wasserstand des Flusses, seine zahlreichen Untiefen und die zunehmende Versandung der Flussmündung ermöglichten keinen gewinnbringenden Gütertransport, so dass die Lippeschifffahrt schließlich eingestellt wurde.
Durch den planmäßigen Ausbau der Landstraßen nach 1850 und den Bau der Eisenbahnlinien 1874/80 verbesserten sich die Verkehrsverbindungen für Dorsten entscheidend. Die Industrialisierung veränderte die Stadt, deren Bevölkerung bis 1900 auf 5103 anstieg.
Die stürmischen Revolutionsjahre 1848/49 haben in der Vaterstadt Ferdinand von Raesfelds keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Aufgeschreckt wurden die Bürger nur im März 1848, als eine Gruppe von 30 bis 40 Männern mit ihren Frauen und Kindern lärmend durch die Straßen zog und an den Wohnungen einiger Kaufleute und örtlicher Repräsentanten des preußischen Staates die Fensterscheiben einwarf. Die Bürgerwehr, die von 50 Kavalleristen aus der Provinzialhauptstadt Münster unterstützt wurde, hatte aber keine Mühe, die öffentliche Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen.
Um 1850 war die heimische Bevölkerung immer noch überwiegend katholisch. Die Reformation hatte in Dorsten keine Anhänger gefunden, so dass es bis 1854 dauerte, ehe die Evangelischen – durchweg preußische Beamte mit ihren Familien - ihren ersten Gottesdienst im Sitzungszimmer des Gerichts an der Lippestrasse feiern konnten. Inzwischen hatten sich auch einige jüdische Familien in der Stadt niedergelassen, die hier ein Auskommen als Händler, Metzger, Schuster oder Stuhlmacher fanden. Ferdinand von Raesfeld dürfte sie ebenso gekannt haben wie die evangelischen Mitbürger, die sich in der kleinen Stadt immer wieder begegneten.
Seine „Jugenderinnerungen“ schrieb der „Altmeister des deutschen Weidwerks“ nach dem Ende des 1. Weltkrieges, der für das Deutsche Reich mit einem Desaster endete. Die militärische Niederlage ging einher mit dem Untergang der alten Ordnung, die sein Leben bis dahin bestimmt hatte. Der glühende Patriot konnte sich schwerlich damit abfinden, dass der hochverehrte Kaiser – sein alleiniger Dienstvorgesetzter als Forstamtsleiter in Born auf dem Darss - abdanken und in die Niederlande fliehen mußte, um sich dem Zugriff der Siegermächte zu entziehen. Die heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Übergangsphase vom Kaiserreich zur Weimarer Republik mögen Ferdinand in seinem Plan bestärkt haben, sich in seine Jugendzeit zurückzuversetzen, als „seine Welt“ noch in Ordnung war. Seinem Geburtsort Dorsten hat er mit der Veröffentlichung des Romans „Aus jungen Tagen“ ein Denkmal gesetzt. Das Buch ist eine Fundgrube nicht nur für alle Heimatfreunde und Liebhaber der plattdeutschen Sprache, sondern auch für die Naturfreunde und Jäger,
denen Ferdinand von Raesfeld mit seinen richtungweisenden Werken über das Forstwesen und die Jagd Grundlagen bereitet hat, die in ihrem Kern noch heute Gültigkeit haben.