Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Erinnern für die Zukunft

Erinnern für die Zukunft (Dorstener Zeitung Anke Klaping-Reich - 21.03.2020)


Der Heimatverein hat viel Aufwand in die Vorbereitung für diesen Gedenktag investiert. Zwei neue Geschichtsstationen wurden inhaltlich begleitet. Auch die grafischen Arbeiten, Bestellung und Lieferung sind termingerecht abgeschlossen worden. Dann kam die Krise. Lesen Sie hierzu die Artikel von Frau Klaping-Reich und Herrn Oliver Borgwardt.

DORSTEN/WULFEN. Vor 75 Jahren starben bei Bombenangriffen auf die Stadt rund 300 Menschen. Das Coronavirus hat die Gedenkveranstaltungen an den 22. März 1945 samt der Schülerprojekte durchkreuzt.

Von Anke Klaping-Reich
Dieser Tag vor genau 75 Jahren brachte Tod und Zerstörung über Dorsten: Am 22. März 1945 fielen 377 Tonnen Luftminen und Sprengbomben auf die Innenstadt.

Alliierte Bombergeschwader hatten die Lippestadt in ein flammendes Inferno verwandelt. Die historische Altstadt wurde nahezu komplett zerstört. Fast 300 Menschen starben, 700 Familien wurden obdachlos, das alte Dorsten war nicht mehr.

Am 21. März 45 erhielten Piloten der englischen Bombergruppen und der 8. US-Luftflotte das Fernschreiben, in dem die Angriffsziele für den folgenden Tag beschrieben waren: Mit Halifax-Bombern sollte auch Dorsten angegriffen werden.

Die Wettervorhersage: Klarer Himmel, ausgezeichnete Sicht. In Abständen von 80 Sekunden hoben die schweren Bomber im Süden von England vom Boden ab.

Es ist kurz nach 14 Uhr. In die mittägliche Stille schrillt plötzlich der bekannte dreimalige Sirenenton, dann glitzern die feindlichen Flugzeuge hell in der Sonne. In weniger als 20 Minuten verwandeln die Bombengeschwader die Lippestadt in ein flammendes Inferno. Das alte Dorsten ist ausgelöscht.

Ein Schicksalstag auch für die Wulfener
Der 22. März 45 wird auch Wulfens Schicksalstag. Morgens um 10.10 Uhr griffen amerikanische Bomberverbände das Dorf an: Der erste Schlag traf Dorf und Kirche, der zweite den Bahnhof, der dritte den neuen Friedhof und der vierte die Häuser „Auf der Koppel“. 23 Menschen verloren ihr Leben. Die Überlebenden standen vor den Trümmern ihrer Häuser.

Insgesamt werden von etwa 125 Sprengbomben von fünf bis zehn Zentnern Gewicht außer der Kirche 15 Häuser total zerstört, sieben weitere müssen sofort geräumt werden und zwölf wurden schwer beschädigt.

22 Opfer der Bombenkatastrophe werden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 25. März 1945 auf dem ebenfalls von Bomben getroffenen, verwüsteten Friedhof gemeinschaftlich in einem als Grab dienenden Bombentrichter beigesetzt.

Gedenkveranstaltung sollte kreativ werden
Collagen, Konzerte, Akrobatik und Gottesdienste – vielseitig und kreativ sind die Aktionen, die Schulen, Heimatvereine, Kirchengemeinden und andere Gruppierungen unter Federführung des Amtes für Schule und Weiterbildung seit Monaten für die Gedenkveranstaltung am 22. März zum 75. Jahrestag der Bombardierung eingeübt haben.

Doch das Virus „Corona“ hat alle Planungen durchkreuzt: Die Veranstaltung ist als Schutzmaßnahme zur Eindämmung der Infektionsgefahr abgesagt. Waren also alle Mühen vergeblich? Nein, meint Philipp Dondrup. Der Lehramtsreferendar am Gymnasium Petrinum hat mit seinen Neuntklässlern während der Projektarbeit tolle Erfahrungen gemacht.

„Eigentlich wären wir soweit“. Philipp Dondrup steckt zum Beweis den USB-Stick in den entsprechenden Schlitz an der mobilen Lautsprecheranlage und dreht die Lautstärke hoch. Sofort erklingen Stimmen und Geräusche, die sich zu einer Klang-Collage verweben.

Komposition zum Thema Zerstörung Dorstens
„Wir haben eine Komposition von fünf Sätzen zusammengestellt, die das Thema der Zerstörung Dorstens musikalisch darstellt“, benennt der angehende Musiklehrer die einzelnen Teile: Das Leben vor dem Angriff – Flugzeuge starten – Sirenen heulen. Der Angriff und schließlich die Ruhe nach dem Sturm.

„Die Schüler haben typische Alltagsgeräusche gesammelt, zum Beispiel das Stimmengewirr auf dem Marktplatz, den brausenden Straßenverkehr oder beruhigendes Wasserplätschern an Lippe und Kanal.“

Mit selbst gespielter Musik und einem professionellen -Programm für Audiobearbeitung komponierten die Neuntklässler daraus ihre Dorsten-spezifische Klang-Collage.

„Da gibt es Schüler, die spielen ein Instrument. Andere wiederum kennen sich gut am Computer aus. Alle haben sich auf ihre Weise in das Gruppenprojekt eingebracht und sind zu einem echten Team zusammengewachsen“, so Dondrup.

Dass die Präsentation vor Publikum nun ausfalle, sei bedauerlich, aber durchaus verständlich: „Vielleicht bekommen wir ja zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal die Möglichkeit zur Aufführung“, hofft Philipp Dondrup mit seinen Schülern auf eine zweite Chance.

Pantomische Performance zu fünf Gebäuden
Die wünschen sich vielleicht auch die Gymnasium-Petrinum-Schüler, die mit ihren Lehrern Burkhard Bell und Jana Bell eine pantomimische Performance eingeübt haben: Die symbolische Nachbildung des Zusammenfalls und Wiederaufbaus von fünf bekannten Dorstener Gebäuden verlangt den jugendlichen Körpern schon ein hohes Maß an akrobatischem Geschick ab.

Gedenk-Gedanken und große Acrylbilder
Und was passiert mit den Gedenk-Gedanken, die der Literaturkurs des St.-Ursula-Gymnasiums (Lehrerin Eva Kohlhass) basierend auf Zeitzeugenberichten vortragen wollte?

Und mit den großformatigen Acrylbildern, in denen der Q 1-Kunstkurs von Lehrerin Kathrin Boes ausgesuchte Gedichte zu Krieg und Frieden umgesetzt hat? „Wir warten jetzt mal ab und überlegen in Ruhe Alternativen“, schlägt St.-Ursula-Lehrer Dr. Jürgen Berns vor.

Erinnerung mit perspektivischem Blick
Den 22. März 1945 als einschneidende Zäsur in der Lokalgeschichte im Bewusstsein zu halten, ist ein großes Anliegen von Bürgermeister Stockhoff. Dabei sei es wichtig, Jugendliche einzubinden, die die Erinnerung an die Zerstörung mit einem perspektivischen Blick in die Zukunft verknüpfen.

Bürgermeister bedankt sich bei allen Beteiligten
Bürgermeister Stockhoff bedankt sich bei chulen, Heimatvereinen, Kirchengemeinden, Chören und anderen Beteiligten für ihren Einsatz bei der Vorbereitung der abgesagten Veranstaltung und hofft: „Sicher kann die ein oder andere geplatzte Aktion in ruhigeren Zeiten noch öffentlich aufgeführt werden.“ Die Schüler und Schülerinnen würde es sicher freuen.

Was geschah vor 75 Jahren

Bomben aus blauem Himmel

Stadtspiegel 19.03.2020: Angst und Tod auf beiden Seiten.  Vor 75 Jahren wurden Dorsten und Wulfen bei alliierten Bombenangriffen schwer getroffen. Während unten die Menschen verzweifelt versuchten, sich vor den herabfallenden Bomben in Sicherheit zu bringen, zittern junge Männer in 7200 Meter Höhe, während ihre Kameraden von der Flak zerrissen werden. In dieser Woche gedenken Dorsten und Wulfen den Bombenangriffen vom März 1945. Wir lassen beide Seiten zu Wort kommen.

Eine Schneise der Zerstörung: In der Altstadt starben 319 Menschen

Über 100 Flugzeuge starteten am 22. März über England in den blauen Frühlingshimmel und steuerten über den Ärmelkanal auf Westdeutschland zu. Als Ziel hatte man den Besatzungen „Militärische Einrichtungen und Hauptquartiere“ genannt, die sich in Dorsten befinden sollten. Als der Bomberstrom kurz nach 14 Uhr von Norden aus auf Dorsten zudröhnte, hofften einige Beobachter noch, die Briten, Kanadier und Amerikaner würden ins Ruhrgebiet abfliegen, als sich die Bombenschächte öffneten.

Ab 14.14 Uhr regneten fünf Minuten lang Bomben auf die Stadt herab. 377 Tonnen Sprengmaterial rissen eine Schneise in die Innenstadt, Rauch und Staub schraubten sich fast zweieinhalb Kilometer hoch in die Luft. Im Bombenhagel wurden 319 Menschen getötet. Die Wohnbebauung in der Innenstadt wurde so gründlich zerstört, dass man nach dem Löschen der Brände einige Tage nach dem Angriff beinahe ungehindert von einer Seite der Stadt zur anderen schauen konnte. Über 700 Familien waren obdachlos, und die Schuttberge so enorm, dass auf jeden Einwohner der Innenstadt über 43 Kubikmeter Schutt kamen - deutlich mehr als selbst in Dresden oder Köln.

Nur wenige Tage nach dem Bombardement rückten die Amerikaner in der Stadt ein und besetzten das in Trümmern liegende Dorsten. Noch heute werden bei Bauarbeiten Blindgänger aus dem Erdreich geborgen.

Bomben auf Wulfen: Angriff um 10.10 Uhr tötete 23 Wulfener

Der 22. März 1945 wird Wulfens Schicksalstag. Morgens, um 10.10 Uhr werden bei einem Angriff eines amerikanischen Bomberverbandes vier Bombenteppiche über das Dorf gelegt. Dabei wurden über Wulfen mehr als 100 Sprengbomben von fünf bis zehn Zentnern Gewicht abgeworfen. Der erste Flächenwurf trifft das Dorf und die Kirche.

Der zweite Angriff trifft den Bahnhof, der dritte den neuen Friedhof, und der vierte die Häuser Auf der Koppel. Insgesamt fallen 125 Sprengbomben von fünf bis zehn Zentnern Gewicht auf Wulfen, die die Kirche und 15 weitere Häuser total zerstören. Sieben weitere Wohnhäuser müssen sofort geräumt werden und zwölf andere erhalten schwere Beschädigungen. Insgesamt fordert der Angriff 23 Todesopfer. 22 Opfer der Bombenkatastrophe werden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 25. März 1945 auf dem ebenfalls von Bomben getroffenen, verwüsteten Friedhof gemeinschaftlich in einem als Grab dienenden Bombentrichter beigesetzt.

Augenzeugen berichten später von dem Schreckenstag. Es war Palmsonntag, 19 Uhr. Hermann Grewer (damals im Alter von zwölf) beschreibt das Ereignis am 22. März 1945 als einen herrlichen Frühlingstag, der für viele Wulfener Familien schreckliche endete. „Meine Eltern, Bernhardine und Hermann Grewer, und wir fünf Kinder (Alfred, Hermann, Werner, Willi und Hildegard) wohnten direkt an der Matthäuskirche im Hause der Familie Stolbrink. Von unserem Vater, der als Soldat in Südfrankreich war, hatten wir schon seit einigen Monaten keine Nachricht mehr erhalten. So musste unsere Mutter uns fünf Kinder alleine versorgen und sich um alles kümmern. Unterstützung erhielten wir durch Familie Stolbrink“, erinnert sich Hermann Grewer.

Beim einsetzendem Voralarm suchten er und seine Familie sowie weitere Dorfbewohner und Angestellte des Lebensmittelgeschäftes Stolbrink und der Post Deckung im Gewölbekeller der Familie Stolbrink. Auch das Wohnhaus der Familie Stolbrink wurde komplett vernichtet. Von 22 Dorfbewohnern die im Keller der Familie Stolbrink Zuflucht suchten, starben elf an den Folgen dieser Angriffe.

Die Bombercrews durchlebten Todesangst in 7620 Metern Höhe

Während die Nazi-Propaganda die alliierten Bomberbesatzungen als mordlüsterne „Terrorflieger“ darstellte, sahen die Briten, Amerikaner und ihre Verbündeten Luftangriffe als wichtiges Mittel an, den Krieg in das Herz Nazideutschlands zu tragen. Für die Besatzungen war solche Propaganda aber spätestens dann von nachrangiger Bedeutung, wenn sie beim Anflug von deutschen Jagdflugzeugen angegriffen oder der präzise schießenden Flak ausgesetzt waren. Neben den Briten und Kanadiern waren beim Angriff auf Dorsten auch Amerikaner beteiligt. Einer von ihnen, der Heckschütze James Leonard Waymire, beschreibt die Mission in seinem Kriegstagebuch.

„Es war ein klarer Tag, also konnten die Deutschen uns mit ihren Flakgeschützen gut verfolgen“, beschreibt Waymire. Schon kurz vor dem Abwurf wurde ihre Maschine von heftigen Detonationen durchgeschüttelt. Die in der Luft explodierenden Geschosse der Flugabwehrkanonen schienen immer näher auf den Bomber zuzukommen. „Ich wäre fast in meinen Helm hineingekrochen, als ich sah, wie die Detonationen näherkamen“, beschreibt Waymire seine Todesangst. „Einige kamen nahe genug, um unser Flugzeug durchzuschütteln“, notiert der Schütze, „ich war wirklich froh, als wir unsere Bomben abgeworfen hatten und im 45-Grad-Winkel vom Ziel abdrehten.“ Doch der Beschuss wurde stärker. „Plötzlich traf Flak unser drittes Triebwerk und setzte es ausser Gefecht, und Triebwerk Nummer vier verlor sofort an Leistung.“ Entsetzt musste Waymire mit ansehen, wie ein anderer Bomber in der Luft zerrissen wurde und ein anderer brennend zu Boden stürzte, während die eigene Maschine immer weiter an Höhe verlor.

Nur mit Glück schaffte es das zerschossene Flugzeug zurück nach England. „Drei Löcher waren direkt hinter mir im Heck der Maschine“, so Waymire. Bei anderen Besatzungen waren einige der Soldaten getötet worden. „Ich bin so müde“, schreibt er.

Text: Oliver Borgwardt

 

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