Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Maria Lenzen

Edelgard Moers:


Rede anlässlich der Einweihung der Erinnerungstafel am Geburtshaus von Maria Lenzen
 



„Sie ist eine vorzügliche Dichterin und Erzählerin gewesen, die unter dem Namen Maria Lenzen weithin bekannt und beliebt geworden ist.“ Mit diesen Worten beginnt der Nachruf des Redakteurs Hubert Schumacher aus Warendorf, der mit der Schriftstellerin auch persönlich bekannt gewesen ist.
Hubert Schumacher arbeitete in Münster für zwei Zeitungen, hatte eine hohe Meinung von ihr als ihr als Mensch und als Autorin. Lange Jahre verwaltete er ihren literarischen Nachlass, bevor er ihn im Jahre 1907 nach Dorsten brachte. Anlässlich ihres 25. Todestages nahm er an einer Feierstunde im Petrinum teil und hielt einen sehr bewegenden Vortrag, in dem er vom Werdegang der Schriftstellerin berichtete.
Anschließend stellte der Direktor der Schule, Dr. Josef Wiedenhöfer, ihre Bedeutung für die Stadt dar.
Doch nach Meinung des Direktors hatte Maria „als schreibende Person in der Öffentlichkeit weniger Bedeutung als ein Mann, und als katholische Autorin hätte sie ihn nicht überzeugt“, denn sie zweifelte die Unfehlbarkeit des Papstes an. Josef Wiedenhöfer ordnete ihre Werke als „Gebrauchsliteratur“ ein, die „bestenfalls nützliche Unterhaltung für Frauen sein können, aber niemals Teil der öffentlichen Erinnerungskultur“. Das „wackere Frauchen“, wie er sie mehrmals nannte, hätte nun mal „alle typischen Schwächen einer weiblichen Schriftstellerin“.
Als der Redakteur Hubert Schumacher das anhören musste, war er nicht mehr zu halten.
Aus einem Protokoll dieser Feier geht hervor, dass er Josef Wiedenhöfer schon während des Vortrags mehrmals ins Wort gefallen sei, weil ihm diese herabwürdigende Darstellung von Maria Lenzen überhaupt nicht gefiel und ihr in keiner Weise gerecht wurde.
Denn Maria Lenzen war keineswegs eine ungebildete Schriftstellerin. Ihr Elternhaus gehörte zum Bildungsbürgertum der Stadt, und ihr Vater stammte von einem alten italienischen Adelsgeschlecht ab. Alle Töchter gingen bei den Ursulinen zur Schule.  
Bei den Sebregondis führte man bei Tisch und vor allem am Abend geistreiche Gespräche. Für Dorstener Bürger galt es als Ehre, mit der Familie zu verkehren.
Nach dem Tod ihres ersten Mannes Gustav Lenzen kehrte Maria in ihr Elternhaus nach Dorsten zurück, und verfasste im Alter von 24 Jahren ihren ersten historischen Roman. Da sie schon in der Schule fasziniert von früheren Zeiten und fernen Ländern war, lag es nahe, dass dieser Roman im Alten Jerusalem spielen sollte, der gespickt war von Liebe, Hass, Neid, Eifersucht, Entführung und Mord und an Schauergeschichten erinnerte, die man sich zu der Zeit gern erzählte.
Familienangehörige und Freunde wunderten sich, zu welchen fantasievollen Gedankengängen sie fähig war. Der zweite Roman zwei Jahre später zeigte ebenfalls das harte Leben in frühchristlicher Zeit mit allen Facetten. Diesmal spielte er in Griechenland.
Zunächst stand bei Maria Lenzen einfach nur die Freude am Schreiben im Vordergrund, und nach und nach machte sie sich immer mehr Gedanken um ihre Zielgruppe. In ihren weiteren Werken ging es dann stärker um Beziehungen im Miteinander, um die Konflikte, die Probleme, die entstehen können zwischen Mann und Frau, zwischen Armen und Reichen, zwischen Bauern und dem Adel oder zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, und sie spielten diesmal hier in der Stadt oder in der näheren Umgebung.
Auch die Natur beschrieb sie sehr genau. Ihr ging es aber nicht um eine Verklärung der Heimat. Nein. Sie war einfach nur eine gute Beobachterin, die das, was sie draußen wahrnahm, zu Papier brachte und so ihre Geschichten irgendwo verorten wollte.
Für sie war wichtig, dass die von ihr beschriebenen benachteiligten oder unterdrückten Personen am Ende selbstbewusst auftreten konnten. Die Romaninhalte drückten auch schon einen Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung aus. Aber leise und nur auf dem Papier. Ihr war wichtig, dass am Schluss die Gerechtigkeit siegte.
Maria Lenzen arbeitete unermüdlich daran, ihre Schreibkunst zu verbessern. Und ihre Werke gewannen immer mehr an Qualität.
Der Büchermarkt schrieb: Ihr Roman „Rau von Nettelhorst“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd, in dem die Dichterin mit großem Geschick eine Reihe faszinierender Gestalten mit starken Charakteren und markigen Zügen gezeichnet hat.
Der „Bayrische Kurier“ schrieb: Ihr Roman „Trüber Morgen, goldener Tag“ hat ein sehr lebendiges Gesellschaftsgemälde gezeichnet, in dem sowohl der Gang der äußeren Ereignisse als auch die psychologischen Entwicklungen höchst interessant sind.“
Der Absatz ihrer gedruckten Werke stieg immer weiter an. 44 Romane stammten aus ihrer Feder, eine ungewöhnliche Menge.
Den Begriff „Bestsellerautorin“ gab es damals noch nicht. Aber zu ihrer Zeit war sie das. Sie war erfolgreich, und ihre Bücher wurden in hohen Auflagen gedruckt, im gesamten deutschsprachigen Raum gern gelesen, und sie bekamen gute Kritiken.
Es waren überwiegend Frauen, die ihre Bücher zur Hand nahmen. Sie verbrachten viel mehr Zeit im Haus und hatten eher die Möglichkeit zum Lesen als Männer.
Maria Lenzen machte ihren Leserinnen mit ihren Werken Mut, brachte sie auf neue Gedanken, stärkte sie in ihrem Widerspruch und Handeln und gab wichtige Anstöße, das eigene Leben vielleicht sogar zu verändern.
Mit ihrem zweiten Ehemann Ignaz ten Brink lebte sie fünfunddreißig Jahre in Anholt. Dort unterstützte sie mit den Frauen ihres Literarischen Zirkels auch die Arbeit im Krankenhaus, das die Fürstin zu Salm-Salm gegründet hatte. Maria Lenzen wurde für Ihre Aktivitäten mit dem Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen ausgezeichnet. Kaiserin Augusta von Preußen hatte sie für die Ordensverleihung persönlich vorgeschlagen.
Bestsellerautorin mit adeliger Abstammung und Trägerin eines Verdienstordens, das alles macht Maria Lenzen aus.
Ich freue mich sehr darüber, dass heute die Erinnerungstafel für diese wunderbare Schriftstellerin eingeweiht wird, ihr Name und ihre Werke zur Erinnerungskultur von Dorsten gehören, und ich hoffe, dass sich viele interessierte Besucher auf Spurensuche begeben und den Weg hierher zu diesem Hause finden.

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