Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Schutzpatron Dorstens

Auf der Spurensuche nach dem vergessenen Schutzpatron von Dorsten


Dorsten. Einen Schutzheiligen gab es einst für jede Stadt. Dorsten hatte aber nicht nur die Agatha. Auf der Suche nach dem zweiten Patron stieß Stadtarchivar Martin Köcher auf ein kostbares Dokument. In alten Zeiten war es üblich, dass sich die Städte einen Stadtpatron wählten, meist einen christlichen Märtyrer, den die Bevölkerung fortan als ihren Schutzheiligen anbetete und verehrte. Dass es in Dorsten damals die heilige Agatha wurde, liegt angesichts der Namensnennung der hiesigen Stadtkirche auf der Hand.

„Doch es gab einen zweiten Stadtpatron, was aber kaum noch jemand weiß“, sagt Dorstens Stadtarchivar Martin Köcher, der bei seinen Recherchen zu diesem Thema fernab von Dorsten sogar auf ein außergewöhnliches Dokument stieß.

In alten Ausgaben des Dorstener Wochenblatts (Vorläufer der Dorstener Zeitung) aus dem Dezember 1898 entdeckte Martin Köcher kürzlich eine Artikelserie, die sich mit ebendiesem Schutzpatronen Dorstens beschäftigte. „Neben der Heiligen Agatha wurde dort auch der Heilige Nikolaus genannt“, erzählt er. „Und schon damals schrieb die Zeitung, dass er bei den Bürgern in seiner Funktion als Stadtpatron leider fast ganz in Vergessenheit geraten sei.“

Der Heiligen Agatha stand anfangs jedoch ein anderer Schutzpatron zur Seite. Laut einer Urkunde aus dem Jahr 1359, ausgestellt vom Erzbischof von Köln, war zunächst der Heilige Johannes der Täufer als Stadtpatron gewählt worden. Wann er vom Heiligen Nikolaus (der Bischof von Myra, dessen Gedenktag am 6. Dezember im gesamten Christentum begangen wird und mit zahlreichen Bräuchen verbunden ist) „vom Thron gestoßen“ wurde, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich war dies aber Mitte des 15. Jahrhunderts.

Denn der aus dem Jahre 1520 stammende und beim Bombenangriff 1945 zerstörte frühere Hochaltar in der Agathakirche am Marktplatz zeigt nämlich nirgends das Bild des Täufers, vielmehr sind es schon Nikolaus und Agatha, die zu Seiten von Maria ihren Platz gefunden haben.

Doch schon vorher, nämlich aus dem Jahr 1489, gibt es einen wertvollen Hinweis darauf, dass da bereits der „Stadtpatron“-Wechsel vollzogen war.

Denn damals ließ der aus Dorsten stammende und in Erfurt als Professor tätige Dr. Hermann Serges als Rektor der dortigen Universität ein amtliches Dokument von Künstlerhand anfertigen, das ebenfalls die Dorstener Schutzpatrone Agatha und Nikolaus neben der Maria zeigt.

Bei seiner Nachforschungen fand Martin Köcher heraus, dass dieses mehr als 530 Jahre alte Rektoratsblatt noch im Original im Stadtarchiv Erfurt vorliegt. „Es hat also Epidemien, Kriege, Zerstörungen und den Sozialismus überstanden“, sagt Dorstens Stadtarchivar.

Das Erfurter Stadtarchiv stellte ihm eine Farb-Reproduktion des alten Schätzchens zur Verfügung, das - mit reichlich Blattgold verziert - eine schöne Zeichnung, das Wappen des Rektors, einen Text zur Rektoratszeit des Dorstener Wissenschaftlers und die Namen von Immatrikulierten enthält.

Statut aus dem Jahr 1840 mit Briefkopf

Schon bei früheren Recherchen im Dorstener Stadtarchiv war Martin Köcher immer mal wieder auf den Heiligen Nikolaus gestoßen. „So gibt es es ein Statut aus dem Jahr 1840 mit dem Briefkopf der Stadt, auf dem St. Nikolaus abgebildet ist.“ Auch bei den Arbeiten für die Dorstener Ausgabe des „Historischen Atlas Westfälischer Städte“ hat der Stadtarchivar ein Stadtsiegel mit dem Abbild des Nikolaus entdeckt.

Und auch in der historischen Schützenkette der Altstadtschützen findet sich inmitten eines Blumenkranzes die Figur des Heiligen Nikolaus wieder - immerhin war er auch Schutzheiliger der Dorstener „Nikolausschützen“. Für Dorsten hatte St. Nikolaus übrigens noch eine besondere Bedeutung dadurch, dass er auch der Patron der Kaufleute (und wohl auch der Schiffbauer) war.

Autor Gerhard Strotkötter berichtet in einem Beitrag für die 1902er-Ausgabe der Zeitschrift der Vestischen Vereine für Orts- und Heimatkunde über Festbräuche in Dorsten, die damals anlässlich des Nikolaustages abgehalten wurden.

So fand in alter Zeit die „Nikolaustracht“ (eine Prozession) statt, bei der die Statue des Heiligen Nikolaus getragen wurde - an der „Essenschen Becke“ stand sein Bild in Stein, dort war auch eine Brücke nach ihm benannt. Auch die Nikolauskirmes war laut Strotkötter ein bedeutender Markt- und Vergnügungstag, an dem es in Dorsten „recht volkstümlich“ herging: „Noch jetzt bedingen sich die Dienstboten der Umgegend für die Dorstener Nikolauskirmes Urlaub aus“, schrieb der Autor damals.

Und beim Nikolaus-Krammarkt anlässlich der Nikolaus-Kirmes kamen die Bürger Dorstens früher am 6. Dezember in Festtagskleidern, die Bürgermeister und die Stadträte in Amtstracht und die Zünfte mit ihren Fahnen in der Kirche am Marktplatz zusammen.

Konzerte und Aufführungen

Im Jahr 1898, so schreibt das Dorstener Wochenblatt, war der Krammarkt „dank der prächtigen Witterung so gut besucht wie seit Jahren nicht und in den Wirtschaften, wo Concerte und Aufführungen verschiedener Art stattfanden, vergnügte sich Alt und Jung in seiner Weise“.

„2005 war Schluss mit der Nikolauskirmes in Dorsten“, sagt Martin Köcher. Nur noch der Nikolausmarkt erinnert in der Altstadt an die Tradition - in diesem Jahr fällt aber auch er wegen der Corona-Lage aus.

Aber es gibt ja auch noch die St. Nikolaus-Gemeinde auf der Hardt - der Stadtteil gehörte aber ganz früher nicht zu Dorsten, sondern wurde erst viel später eingemeindet. Die Pfarreien St. Agatha, St. Nikolaus und St. Johannes sind inzwischen fusioniert - alle drei bisherigen Dorstener Schutzpatrone sind unter diesem Dach also miteinander vereint.

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