Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Erinnerungen an Dorsten

Erinnerungen an Dorsten


 2 Kriegskinder, Jahrgang 1935, gewähren tiefe Einblicke aus verschiedener Perspektive bis zurück in die dunkelste Zeit Dorstens. Eine Reminiszenz an die guten und die schlechten Tage der Stadt und ihre herausragenden Persönlichkeiten präsentieren uns zwei Dorstener Kinder: Dr. Godehard Lindgens und seine Frau Gisela Lindgens, geb. Große Lochtmann. Das Alte Rathaus und die Pfarrkirche St. Agatha symbolisieren das politisch-kulturelle und kirchlich religiöse Leben am Marktplatz, der für das wirtschaftliche Leben in der alten Hansestadt Dorsten seine Bedeutung hat.

Das Alte Rathaus aus der Zeit der Renaissance war bei der völligen Zerstörung der Stadt in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges fast unversehrt stehen geblieben, während von der Kirche nur ein Ruinenstumpf übrig war. Die auf der Titelseite abgebildete Kirche ist 1951 durch das eindrucksvolle Wirken des seit 1940 amtierenden Pfarrers Franz Westhoff wiederaufgebaut worden.

Die Zerstörung der Stadt am 22. März 1945 ist sozusagen der „schlechteste Tag“ in der neueren Geschichte der Stadt und zieht sich als Menetekel durch das ganze Buch.

Die Rückseite des Buches zeigt das Ehepaar Gisela und Godehard Lindgens, die seit 1962 in Berlin leben, aber „Dorstener Kinder“ sind: er als Sohn des Hardter Hauptlehrers Peter Lindgens, der seit 1920 in Dorsten lebte und dort viele Ehrenämter innehatte; sie als Tochter des Elektromeisters Bernhard Große-Lochtmann, dessen Wohnung am besagten 2. März zerstört wurde und der nach dem Krieg sein Verkaufsgeschäft und seinen Betrieb in der Lippestraße hatte.

Der Familiennachlass beider Väter mit wichtigen Dokumenten und reichem Bildmaterial war Anlass und Motivation für das Buch, das im ersten Kapitel die Hardter Geschichte mit dem Kohlhaus, dem „Krankenhaushof“, der Overberg- bzw. Pestalozzischule und den beiden Kirchen bringt.

Das zweite Kapitel handelt von der „dunkelsten Zeit“ der deutschen Geschichte, in der die in Schreibmaschinenschrift oft verfasste Predigt des Bischofs von Münster gegen die sogenannte Euthanasie behinderter Menschen heimlich herumgereicht wurde. An den für Dorsten später zuständigen späteren Kardinal Clemens-August Graf von Galen erinnern die umbenannte Grenzstraße und die Grundschule in Altendorf-Ulfkotte. Bischof Clemens-August schickte 1942 Heinrich Spaemann als Kaplan nach Dorsten, der den Autor als Messdiener in St. Agatha einführte. Heinrich Spaemann hatte ein bewegtes Leben hinter sich, als er mitten im Krieg mit seinem Sohn Robert in Dorsten ankam. In Berlin als Atheist und Sozialist angetreten, konvertierte er nach dem Tod seiner jungen Frau 1936 zum Katholizismus und wurde 1942 in Münster zum Priester geweiht. Sein Sohn Robert besuchte in Dorsten in den letzten Kriegsjahren das Gymnasium Petrinum, worüber er ausführlich in seiner Autobiographie schreibt, die 2012 zu seinem 85. Geburtstag herausgekommen ist und die vom Autor im 6. Abschnitt des vierten Kapitels eingehend behandelt wird. Robert Spaemann machte seinen philosophischen und literarischen Weg über Dorsten und Münster in die geistige Welt, die ihn bis heute als „katholischen Philosophen“ anerkennt.

Das dritte Kapitel über das „Leben und Sterben“ von Dorstenern im 2. Weltkrieg ist das zentrale und wichtigste Kapitel, weil es sich kritisch mit dem Nationalsozialismus in Dorsten auseinandersetzt. Es fußt auf der Dokumentation von Christian Bischoff und Walter Biermann, die schon Christians Vater Karlheinz Bischoff begonnen hatte. Sie folgt der Devise, die im Buch zitiert wird: „Was damals geschah, darf sich nie wiederholen“ (S. 90).

Zeitungsartikel und Totenzettel aus der damaligen Zeit sind die Grundlage für die Aufarbeitung und das Verhalten von Honoratioren in der „dunkelsten Zeit Dorstens“. Die Texte aus dieser Zeit werden konfrontiert mit der jüngsten wissenschaftlichen Literatur von Sönke Neitzel und Harald Welzer (Soldaten), Ian Kershaw (das Ende), Wolf Stegemann/Maria Frenzel (Lebensbilder) und besonders mit Sr. Johanna Eichmanns „Erinnerungen 1926-1952“. Die Ehrenbürgerin Dorstens und des Vests leitete jahrzehntelang das St. Ursula-Gymnasium und stand viele Jahre dem Dorstener Ursulinenkloster als Oberin vor.

Das Pendant zum mitten in der Stadt gelegenen Ursulinenkloster ist das Franziskanerkloster am Westwall, das bis etwa 1900 das Gymnasium Petrinum beherbergte. Im 2. Weltkrieg spielte Pater Gerold als Religionslehrer am Petrinum eine ebenso wichtige Rolle wie Pater Heribert nach dem Krieg.

Drei Kennzeichen sind es, die das Buch durchgängig bestimmen: die persönlich-familiären Beziehungen, die wissenschaftlich-literarischen Diskussionen und die geschichtlichen Zusammenhänge im Großen und Kleinen. Es zieht die Verbindungslinien sozusagen triangelförmig zwischen Dorsten, Münster und Berlin. Die bekannteste Verbindung zwischen der westfälischen Metropole Münster und Berlin war Clemens-August, der 23 Jahre Seelsorger in Berlin war.

Produktinformation - 183 Seiten - Verlag BookOnDemand - vabaduse; Auflage: 2 (9. Dezember 2015)- ISBN  978-3-86386-617-4 von Dr. Godehard Lindgens
 

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert: 

I. Geschichtliche Ereignisse im unmittelbaren Umfeld des Autors auf der Hardt in Dorsten

II. Dokumente aus dem Familiennachlass: Programme der Nationalsozialisten zur Vernichtung der christlichen Kirchen und Klöster sowie der Tötung behinderter Menschen und Widerstand dagegen in Dorsten und im Bistum Münster

III. Leben und Sterben im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) in Dorsten und an den Fronten

IV. „Die Erinnerung bewahren“: Drei kurze Buchrezensionen und drei längere Buchbesprechungen zur Thematik Dorsten und besondere Persönlichkeiten

V. Epilog: „Schule – mein Schicksal“, Statement des Autors an seinem letzten Berufstag

Ein Literaturverzeichnis beschließt den Band, der für zahlreiche Heimatfreunde eine Fundgrube darstellen dürfte!

„Erinnerungen an Dorsten“ - Beschreibungen des Autors zur 2. Auflage 


Texte zur Geschichte und Zeitgeschichte der Stadt, aufgeschrieben unter der Mitwirkung von Gisela Lindgens und kommentiert von Godehard Lindgens, Berlin 2015, 2. Auflage, 183 Seiten, 19 €. Ein zeitloses Buch als Geschenk für alle Gelegenheiten in Dorsten und Umgebung, vorrätig in der Altstadtbuchhandlung Widdel, Recklinghäuser Sreafe 3, 46262 Dorsten. H.G. schreibt im Internet zur ersten Auflage: „Die Themenpalette der Erinnerungen des 1935 in Dorsten geborenen Autors und seiner Frau ist breit gefächert. Sie fängt beim ‚Kohlhaus‘ an und endet, sieht man vom Epilog ab, mit Robert Spaemanns (‚Sohn des Kaplans’) umstrittenen Wertebegriff. Dazwischen liegen Erinnerungen an das nationalsozialistische Dorsten und darüber hinaus, an Krieg und Schule, an Leben und Sterben an den Fronten, aber auch an andere Themen, darunter literarische, theologische und philosophische Betrachtungen des einstigen Lehrers Dr. Lindgens. Dieser ist aufgewachsen auf der Hardt. Er besuchte das Gymnasium Petrinum , studierte Altphilologie und war in der Erwachsenenbildung in Berlin tätig. Der Literatur aus und
über Dorsten widmete sich der Autor durchgängig….“ Der Rezensent kritisiert die „Kleiwüste“ der ersten Auflage, die wegen finanzieller Umstände durch die
Schreibmaschinenschrift begründet war, sagt aber auch, dass man „trotz der Vorbehalte das Buch zur Hand nehmen (sollte).“ Von der zweiten Auflage, die 2015 erschienen ist, heißt es bei ihm, dass sie „besser aufgemacht“ sei. (dorsten-unterm-hakenkreuz.de/literatur-resensionen) Frau Klapsing-Reich von der „Dorstener Zeitung“ hat schon die erste Auflage in ihrer Zeitung am 3. Januar 2014 beschrieben und merkte zur zweiten Auflage am 10 Dezember 2015 an: „An dem Text der ersten Auflage von Dezember 2013 habe sich nichts geändert. Auch der Preis von 19 Euro sei der gleiche geblieben.“ Dann zitiert sie den Autor aus einem Brief an ihre Adresse: „ Dafür bereichern historische Fotos den Band, und ein leserfreundliches ausführliches Namenverzeichnis ist hinzugekommen, freut sich Lindgens auch über das wesentlich verbesserte Schriftbild, das das Buch noch schöner gemacht habe.“ Dr. Josef Ulfkotte, der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde in Dorsten, schreibt im Heimatkalender 2017: „Nach der ersten Auflage, die eine gute Resonanz hatte, liegt nunmehr eine durch zahlreiche Fotos ergänzte Neuauflage vor, die durch ein Personenregister (angereichert wurde). Darüber dürften sich die Dorstener, die sich der Familie Lindgens verbunden fühlen, sehr freuen.“ (S. 252)

Dr. Godehard Lindgens
(13.11.2017)

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