Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Chronik der Stadt Dorsten

Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten


  Quellenedition zur Geschichte der Städte Dorsten und Marl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Quellen zur Regionalgeschichte)

Im Jahre 1815 fielen das Vest Recklinghausen und damit auch die Stadt Dorsten an Preußen. Im September 1817 forderte die Königliche Regierung zu Münster die Bürgermeister ihres Regierungsbezirks dazu auf, »vaterländische Chroniken« zu führen. Diese Chroniken sollten (u.a.) Angaben zur Geschichte der jeweiligen Bürgermeisterei, ferner genaue Nachrichten über Eheschließungen, Geburten, Todesfälle, Religionsverhältnisse, Gewerbeverhältnisse, Armenfürsorge, öffentliche Ausgaben, Polizei und Feuerwehr enthalten. Da die Regierung die Zuständigkeit des Bürgermeisters der Stadt und des Kirchspiels Dorsten 1820 auf die damaligen Landgemeinden (Alt)Marl, Hamm und Polsum ausdehnte, musste er seitdem auch diese Gemeinen in seiner Chronik berücksichtigen, die bis 1841 geführt wurde. Die damaligen Bürgermeister Gahlen und Luck hinterließen eine wichtige Quelle zur Sozial- bzw. Alltagsgeschichte der heutigen Nachbarstädte Dorsten und Marl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wer gerne von der „guten alten Zeit“ schwärmt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt – denn der Leser wird hier schnell kuriert. Denn damals, vor rund 200 Jahren, hätte unsereins wohl lieber nicht in Dorsten leben wollen: Plündernde Soldaten quartierten sich in die Häuser ein, ein Drittel aller Kinder starb vor dem Erreichen des zweiten Lebensjahres, die Menschen in der Lippestadt hatten ständig Angst vor grassierenden Epidemien wie Faulfieber oder Cholera. Und wenn das Wetter Kapriolen schlug, drohten Missernten, drohte womöglich Hungersnot.

Produktinformation - 256 Seiten - Verlag für Regionalgeschichte - Auflage: 1 (8. Juni 2017) - ISBN  978-3739510972 von Guido Heinzmann, Christa Setzer, Heinz-Dieter Steven und Josef Ulfkotte

Rezension des Buches von Dr. Matthias Kordes - (Leiter des Institutes für Stadtgeschichte/Stadt- und Vestisches Archiv)


 Stadt- und Bürgermeisterchroniken des frühen 19. Jahrhunderts sind eine vergleichsweise wenig bekannte und vielfach unterschätzte Quelle, berichten sie doch meist ‚nur’ von der nach-napoleonischen Epoche, die gemeinhin als innen- wie außenpolitisch befriedet, restaurativ konsolidiert und wenig ereignisreich gilt. War das die romantisch-biedermeierliche Ära, also die ‚gute alte Zeit’ der Westfälischen Schilderungen Annette von Droste Hülshoffs (1845), von der die ältere westfälische Heimatbewegung immer so schwärmte? Nein, eine solche Ära gab es ja gar nicht, reden wir lieber von der Periode des ländlichen Pauperismus, der Proto-Industrialisierung – in Dorsten gab es bereits eine Baumwollspinnerei bzw. „Cattunfabrik“, in Marl zwei „Papierfabrikationen“ – und der nur langsam fortschreitenden Überwindung der Vormoderne. Auch in Dorsten ging dieser Prozess mit der Etablierung der neuen preußischen Landesherrschaft und Provinzialverwaltung ab 1815/16 einher.

Zu berichten ist von einer mustergültigen, auch komplexe Tabellenformate meisternden Quellenedition, die aus einer Kooperation zwischen dem Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V. und dem Stadtarchiv Dorsten hervorgegangen ist. Zunächst beschreiben die Herausgeber die komplexen, ursprünglich in diversen Kladden formierten Entstehungsstufen dieser Chronik bis hin zu den redaktionellen und kompositorischen Schwierigkeiten ihrer Rein- und Niederschrift, die eine präsentable, d.h. den Erfordernissen des Landrates zufriedenstellende Fertigstellung um Jahre verzögerte.

Ausschlaggebend für die Entstehung dieses neuen, ‚munizipalen’ Quellentyps war jedenfalls eine Direktive der preußischen Bezirksregierungen, die in modern gestalteten Ortschroniken neue Daten- und Quellengrundlagen für die strukturelle Durchdringung der noch jungen Provinz Westfalen schaffen wollten. Nicht nur „vaterländisch“-heimatstiftende Motive wurden dabei ins Feld geführt, sondern eben auch nüchterne statistische und administrative Zwecke: Im Sinne preußischer Kameralistik sollten demographische, „staatswirtschaftliche“ und fiskalische Daten der Landesverwaltung aktuelle Erkenntnisse über die Infrastruktur städtischer Räume in Westfalen verschaffen. Eine entsprechende Weisung der Regierung Münster vom September 1817, die an alle Städte im Regierungsbezirk erging, setzte auch für Dorsten dieses Projekt in Gang, das immerhin zwei Bürgermeister, nämlich Bernhard Gahlen und Franz Luck, über Jahre beschäftigen sollte.

Die chronikalischen Textschichten gliedern sich grob in drei größere Berichtszeiträume, von denen der älteste Abschnitt in quasi annalistischer Darstellungsweise vom Spätmittelalter bis ans Ende des Ancien Régime (ca. 1800) reicht. In summarischen Schilderungen folgen die Jahre von 1803 bis 1822, die ausführlichen, weniger historiographisch, sondern eher schematisch referierenden Jahresberichte setzen 1822 ein und reichen nebst diversen statistischen Anhängen und Tabellen bis 1832. Die „Bürgermeisterei“ Dorsten umfasste ab 1816 übrigens auch die Gemeinden Polsum, Marl und Hamm, woraus am Südufer der Lippe ein langgestrecktes, ländlich-kommunales Gebilde entstand. Das alte Dorsten selbst zählte von Alters her kaum mehr als 2.500 Seelen, die in rund 430 Wohnhäusern lebten, hinzu kamen ca. 800 Personen auf kleinen Höfen und Kotten im Weichbild der Stadt.

Die Erfordernisse einer paläographisch akribischen, d.h. archivalisch-buchstabengetreuen Textedition werden genauso berücksichtigt wie pragmatische Nutzerinteressen moderner Leser. Neben einer Unzahl von kleinteiligen Daten, Zahlen und Fakten über Dorsten und Umgebung stößt man immer wieder auf höchst wissenswerte Vorgänge und Sachverhalte, die überregionale Bezüge ermöglichen und großräumige, ja sogar kontinentale Zusammenhänge sichtbar machen: Dazu gehören neben jährlichen Angaben zur Preisentwicklung wichtiger Agrarprodukte auch die knappe, aber anschauliche Darstellung der Anomalitäten, die sich aus dem Klimasturz des „Jahres ohne Sommer“ (1816) ergaben. Freilich waren dessen Ursachen den Dorstener Zeitgenossen noch völlig unbekannt, erst seit den 1980er-Jahren bringt man diese außergewöhnliche Hungerkrise von 1816/17 mit dem gewaltigen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 in Verbindung.

Auch die detailreichen Bevölkerungsstatistiken sprechen für sich: Dorstens exorbitante Kindersterblichkeit nebst der über lange Zeit stagnierenden Einwohnerzahl zeugt davon, wie weit entfernt man an der Lippe noch von der demographischen Transformation der Industriellen Revolution war. Schließlich die lebensbedrohlichen Krankheiten und Seuchen (darunter auch Masern und „Wechselfieber“ (Malaria?)), denen man sich ausgeliefert sah: Die 1830/31 ventilierten Meldungen über die Westwanderung der – 1817 im Golf von Bengalen ausgebrochenen – Cholera-Pandemie von Polen und dem Baltikum über Berlin, die Elbe und die Weser an den Rhein lassen die existentiellen Ängste um die neuartige „Geißel“ des 19. Jahrhunderts erahnen.

Fazit: Was Siegfried Bahne vor 40 Jahren in dieser Zeitschrift für die Recklinghäuser Stadtchronik geleistet hat (Die Bürgermeisterei Recklinghausen im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Die Chroniken des Bürgermeisters Joseph Wulff (1820–1829), in: Vest. Zs. 77/78 (1978/79)) liegt nun in noch viel aufwändigerer und beeindruckenderer Form auch für Dorsten vor. Das Editorenteam stellt damit die Erforschung der Dorstener Stadtgeschichte, die man nun von Begin des 19. Jahrhunderts bis in die 1830er Jahre quasi in amtlichen Originaltönen und behördlich generiertem Zahlenwerk verfolgen kann, auf ganz neue Grundlagen. Wegweisend ist dabei die wissenschaftliche Kooperation zwischen Stadtarchiv und Heimatverein, die ein Musterbeispiel für moderne citizen science darstellt. Vielleicht hätte neben dem vorhandenen Glossar historischer Fachbegriffe noch ein Schlagwortregister die Publikation perfekt abschließen können, nichtsdestoweniger ist das vorliegende Editionswerk in jeder Hinsicht vorbildlich für ähnlich gelagerte Projekte in Westfalen.

Rezension von  Dr. Matthias Kordes, Recklinghausen aus: Vestische Zeitschrift, Bd. 107 (2018/19), S. 376–378.                          

Im Rahmen einer Feierstunde wurde am 8. Juni 2017 im Alten Rathaus Dorsten die Lucksche Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten aus dem 19.Jahrhundert der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach einer Einführung durch den stellv. Vereinsvorsitzenden Hans-Jochen Schräjahr, sowie Grußworten des Dorstener Bürgermeisters Stockhoff und seiner Marler Amtskollegin Dornebeck, stellte der Leiter des Vestischen Archivs Dr. Kordes die Bedeutung dieser Quellenedition für Dorsten und seine Umgebung heraus. Das Buch kann ab sofort im Preis von 24 € im Buchhandel erworben werden.

Am 10.6.2017 erschien in der Dorstener Zeitung folgender Artikel:

Stöbern in der Vergangenheit

Neu aufgelegte Chronik öffnet Fenster in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts

Einen anschaulichen Blick in das Dorsten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubt ein Werk, das der Verein für Orts- und Heimatkunde mit dem Dorstener Stadtarchiv jetzt veröffentlicht hat: die „Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten“, lange Zeit lediglich in Form von zwei Original-Kladden im städtischen Archiv schlummernd und nun von Guido Heinzmann, Christa Setzer, Heinz-Dieter Steven und Josef Ulfkotte in mehrjähriger Arbeit dankenswerter in Buchform übetragen worden. 256 Seiten stark, ein wichtiger Mosaikstein der hiesigen Geschichtsforschung. Wer sich hierin vertieft, dem öffnet sich der längst vergangene Alltag, dem sich damals kaum mehr als 3000 Dorstener, fast alle katholischen Glaubens, stellen mussten.

Die Chronik ist kein von Historikern verfasstes Sachbuch. Sondern versammelt die Original-Aufzeichnungen, die die damaligen Dorstener Bürgermeister Gahlen und Luck niedergeschrieben haben. Denn nachdem das Vest und die Stadt Dorsten 1815 an Preußen fielen, forderte die

Königliche Regierung zu Münster die Bürgermeister ihres Regierungsbezirks auf, „vaterländische Chroniken“ zu führen. In seiner Amtszeit hatte Bürgermeister Bernhard Gahlen aber vorher schon Materialien gesammelt, sie fanden ebenfalls in der Neuausgabe Platz.

In diesen Jahresrückblicken schrieben die Bürgermeister nieder, was für Dorsten erwähnenswert war: Eheschließungen, Geburten, Todesfälle, städtische Einnahmen und Schulden, Statistiken also. Aber auch das gesellschaftliche Leben bildeten sie ab: 1822 etwa wurden in Dorsten von „einer selbst formirten Liebhaber Gesellschaft sechs theatralische Vorstellungen“ gegeben, zudem wurden „mechanische und exquilibristische Künste“ gezeigt. Den

Dorstener Schulen, die damals im weiten Umkreis einen guten Ruf hatten, werden viele Seiten gewidmet. Und nicht vergessen wurde in jedem Jahr, detailliert über die jeweiligen tödlichen Unglücksfälle zu berichten. Im Winter 1822 stürzte etwa ein Müllerknecht beim Loshauen des Eises von einem Mühlenrad hinunter, 1830 berichtet Bürgermeister Franz Luck, dass „ein Knabe von 14 Jahren in das Räderwerk einer Wollspinnerei gerieth und augenblicklich zerschmettert wurde“.

Beim Durchforsten der Seiten wird deutlich (und darauf weist auch Bürgermeister Tobias Stockhoff in seinem Vorwort hin), dass es so manche Parallelen mit der Neuzeit gibt. So wurde 1824 erstmals in Dorsten eine Hundesteuer erhoben, sie brachte 52 Reichsthaler und 20 Silbergroschen ein. Und auch marode Brücken und die Dauer ihrer Reparatur waren auch schon vor 200 Jahren ein Thema: „Das Hangwerk der Lippbrükke wurde so schadhaft, daß eine schleunige Auflegung von acht Bodenbalken zum Tragen der Fahrbahn notwendig ward. Der Neubau der Brükke mußte bis in das Jahr 1827 verschoben werden.“

Für den Geschichtsunterricht an den Dorstener Schulen könnte die neu aufgelegte Chronik eine willkommene Quelle werden, denn die Bürgermeister betteten damals ihre Beobachtungen in größere Zusammenhänge ein. So schrieb Bürgermeister Luck 1831 von einer „dumpfen Spannung“ in der Stadt als Folge der „französischen July-Revolution“ und von dem „nachtheilgsten Einfluß auf Handel und Gewerbe“, den die damalige Loslösung Belgiens von Holland auslöste. Und welchen schlimmen Einfluss eine „globale Klimakatastrophe auf das westfälische Ackerbaustädtchen Dorsten ausübte“ (so Kreisarchivar Dr. Matthias Kordes bei der Buchvorstellung am Donnerstag im Alten Rathaus), das machen die Aufzeichnungen für das Jahr 1816 deutlich. Denn der „anhaltend kalte Regen, welcher den ganzen Sommer andauerte“ und die gesamte Ernte unbrauchbar machte, war die Folge eines immensen Vulkansausbruchs in Indonesien – doch diese meteorologischen Zusammenhänge konnte Bürgermeister Luck damals noch nicht einordnen.

Dass auf dem Buch-Cover nicht nur die Dorstener Urkarte (Foto) von 1823, sondern auch die von Polsum, Alt-Marl und Marl-Hamm abgebildet sind, hat einen bestimmten Grund: Da die Regierung die Zuständigkeit des Bürgermeisters und des Kirchspiels Dorsten auf diese drei damaligen Landgemeinden ausdehnte, musste er seitdem auch diese Gemeinden in seiner Chronik berücksichtigen, die bis 1841 geführt wurde.

Michael Klein

Chronik und „Kleiner Schluck“

Das Buch „Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten“ ist im Verlag für Regionalgeschichte (Bielfeld 2017) erschienen, ISBN 978-7395-1007-2), Preis: 24 Euro.

Es ist erhältlich im örtlichen inhabergeführten Buchhandel, im Stadtarchiv Dorsten, in der Stadtinfo an der Recklinghäuser 20 und der Volksbank am Südwall und in deren Online-Shop: www.volksbank-dorsten.de

Antwort: Die Drucklegung wurde vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der Volksbank Dorsten und dem Lions-Club Dorsten-Hanse unterstützt.

Anlässlich der Veröffentlichung hat der Verein für Orts- und Heimatkunde drei unterschiedliche Erzeugnisse aus der Kornbrennerei Böckenhoff aufgelegt – unter anderem den „Dorstener Lebensgeist – der kleine Schluck von Bürgermeister Luck“ (alle für 15 Euro pro Flasche erhältlich in der Stadtinfo).

 

 

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