Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Gründungsgeschichte Dorstener Heimatvereine

Gründungsgeschichte Dorstener Heimatvereine


 Josef Ulfkotte: Vor mehr als 125 Jahren initiierte der Dattelner Amtmann Wilhelm Schrakamp die vestische Orts- und Heimatkundebewegung

Seit dem 10. August 1816 bildete das einstige „Vest“ mit der früheren „Herrlichkeit Lembeck“ den Landkreis Recklinghausen, der mit neun weiteren Landkreisen zum Regierungsbezirk Münster zusammengefasst wurde. In den 1860er Jahren erreichte der von Süden nach Norden vordringende Bergbau den Emscherraum,  die Industrialisierung nunmehr auch den Kreis Recklinghausen erfasste. Das Gebiet zwischen Emscher und Lippe entwickelte sich in den nächsten Jahrzehnten zur vorerst nördlichsten Industrieregion des Ruhrgebiets, deren Wirtschaft und Bevölkerung von einem umfassendenStrukturwandel ergriffen wurde. Die Lippestadt Dorsten blieb davon nicht (1) unberührt. Während der 45-jährigen Amtszeit des Landrats Robert von Reitzenstein (1848-1893) vollzog sich der Wandel des Kreises von einer landwirtschaftlich zu einer zunehmend stärker von der Industrie geprägten Region. Die damit einhergehenden Veränderungen, die die Lebens- und Arbeitswelt der Bevölkerung nachhaltig beeinflussten, schärften in den gebildeten Kreisen das Bewusstsein für das geschichtlich Gewordene, richteten den Blick auf die „Altertümer“, die es zu bewahren galt als Zeugen einer vergangenen Zeit, die unter den gegebenen Bedingungen der Vergessenheit anheim zu fallen schienen bzw. endgültig zerstört würden.

Vier Jahre nach der Reichsgründung kam es 1875 in Altena zur Gründung des „Vereins für Orts- und Heimatkunde im Süderlande“. Dieser Verein hielt 1886 in Witten eine Generalversammlung ab, die mit einer Orts- und Heimatkundeausstellung zusammenfiel. Dafür hatten Wittener Bürger einige interessante Stücke beigesteuert, deren Weitergabe nach Altena sie allerdings ablehnten und stattdessen Ende 1886 einen eigenen Verein gründeten, dessen Ziel die Errichtung eines Museums in Witten war.

Für die Idee der Sammlung und Ausstellung heimatkundlicher Altertümer begeisterte sich auch der 1886 als Amtmann in Datteln eingeführte Amtmann Wilhelm Schrakamp, der sich in den nächsten Jahren für die Gründung eines vestischen Vereins für Orts- und Heimatkunde einsetzte.

Schrakamp war ein glühender Anhänger der „Culturgeschichte“ wie sie der viel gelesene Historiker Gustav Freytag (1816 – 1895) in seinem zwischen 1859 und 1867 verfassten Werk „Die Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ hervorgebracht hatte. Freytag verstand seine „Bildersammlung“ als eine Bildungsgeschichte für das Bürgertum, und Schrakamp äußerte im Rahmen seiner „culturhistorischen“ Vorträge in Recklinghausen und Dorsten (Mai und Juli 1888) die Überzeugung, dass es gelingen könne, die „ganze intelligente Bevölkerung des Vestes dem Verein zuzuführen.“2 Er kannte die Vereine für Orts- und Heimatkunde in Altena und Witten sowie die schon seit geraumer Zeit bestehenden Geschichtsvereine in Iserlohn und Soest, hatte die Museen in Altena, Iserlohn, Krefeld und Witten besucht und warb in den nächsten Jahren für die Gründung eines volkstümlichen Vestischen Altertumsvereins und Museums, das auch das Interesse und die Aufmerksamkeit der Bauern und Arbeiter finden sollte. Für die bäuerliche Bevölkerung des Vests sollte das Museum Anschauungsmaterial bereit halten, um sie für die Altertümer zu sensibilisieren, die der Boden, den sie bewirtschafteten, (noch) bereithielt. Das Provinzialmuseum in Münster war seiner Ansicht nach nur für Professoren und Studenten geöffnet und nicht für „Jedermann“, und welcher Bewohner des Vests nahm schon den weiten Weg nach Münster für den Besuch dieses Museums in Kauf?

Als Schrakamp im Juni 1888 Dorsten besuchte, stießen seine Ideen auf fruchtbaren Boden. Der im darauf folgenden Monat im Saal des Hotels König („Schwarzer Adler“) von 38 Honoratioren gegründete „Verein für Orts- und Heimathskunde des Vestes Recklinghausen, Section Dorsten“ verfolgte das Ziel, „rege Teilnahme für Naturkunde, Geschichte, Kunst und Gewerbe zu erwecken und zu erhalten; es wird Sorge getragen für die Erhaltung und Sicherung der noch vorhandenen Altertümer und Kunstdenkmäler.“3

Der entscheidende Impuls für die vestische Orts- und Heimatkundebewegung ging von Dattelns Amtmann Wilhelm Schrakamp aus, der 1892 als Amtmann nach Löhne (damals Gohfeld-Mennighüffen) wechselte. Der Gründung des Vereins für Orts- und Heimatkunde in Dorsten, der am 15. Juli 2013 als ältester Verein im Kreisgebiet auf sein 125jähriges Bestehen zurückblicken konnte, folgten in den nächsten Jahren weitere Vereinsgründungen, so bereits 1890 in Buer und Recklinghausen.

Quelle:

Josef Ulfkotte: Vor mehr als 125 Jahren initiierte der Dattelner Amtmann Wilhelm Schrakamp die vestische Orts- und Heimatkundebewegung. In: Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten 73(2014), S. 132 – 133.

1 Nähere Einzelheiten bei Bernhard Kuhlmann: Geschichte der Stadt Dorsten von der Zeitenwende bis zum Jahr 1975. Ein Sachbuch über die Entwicklung der Stadt, ihrer Bevölkerung und Wirtschaft, o.O., o.J. [Dorsten, Buchhandlung König, 1975]

Josef Ulfkotte: Die Gründung des Vereins für Orts- und Heimatkunde für die Herrlichkeit Lembeck

Anlässlich seines 75jährigen Bestehens“ hat Franz Schuknecht die Geschichte des „Heimatbundes in einem Festvortrag Revue passieren lassen und dabei manche Zusammenhänge erläutert, die vielen Festteilnehmern nicht (mehr) geläufig waren. Sein Vortrag ist in den Heimatkalendern 1998 (S. 46-50) und 1999 (S. 66-70) ebenso nachlesbar wie in dem im Jahre 2011 im Verlag für Regionalgeschichte erschienenen Werk von Franz Schuknecht: Dorsten und die Herrlichkeit Lembeck. 2000 Jahre Geschichte an der Lippe“. Dieser verdienstvollen Überblickdarstellung möchte ich um einen Aspekt ergänzen, denn der heutige „Heimatbund“ wurde nicht unter diesem Namen gegründet, sondern er sollte ursprünglich „Verein für Orts- und Heimatkunde für die Herrlichkeit Lembeck“ heißen.

Vorgeschichte

Wie der Dattelner Amtmann Wilhelm Schrakamp im Dreikaiserjahr 1888 die Gründung des „Vereins für Orts- und Heimathskunde für das Vest Recklinghausen, Section Dorsten“ initiierte und damit der organisierten Orts- und Heimatkundebewegung im Vest Bahn brach, war es nach dem 1. Weltkrieg der Wulfener Amtmann Kuckelmann, der die organisierte Heimatbewegung in der „Herrlichkeit“ in die Wege leitete. Unterstützt wurde er von Dr. Heinrich Glasmeier, der damals für die privaten Adelsarchive im Westfälischen Heimatbund zuständig war. Glasmeier riet Kuckelmann allerdings von dem Gedanken ab, die Gründung eines Vereins ins Auge zu fassen, der sich ausschließlich mit der Heimat-Geschichte befasst, sondern schlug ihm die Gründung eines Vereins für Heimatkunde vor, der alle die Heimat betreffenden Fragen in den Blick nehmen sollte. Diese Zielsetzung verfolgten die bereits seit vielen Jahren im Vest bestehenden Vereine für Orts- und Heimatkunde.

Am Nachmittag des 7. Juli 1922 trafen sich im Hervester Lokal Erwig auf Einladung von Amtmann Kuckelmann 49 Personen – Gemeindevorsteher, Geistliche, Lehrerinnen und Lehrer - zwecks Gründung eines Vereins für Orts- und Heimatkunde der Herrlichkeit Lembeck:

Deuten

Lehrerin Kleinken Lehrer Kellner

Dorsten

Lehrer Rombalski

Erle

Hauptlehrer Lammersmann, Lehrer Sagemüller, Lehrerin Dierksen Kaplan Berning

Hervest

Pfarrer Schötz, Pfarrer Vissing
Gemeindevorsteher Rohlof
Rektor Stratmann, Rektor Uhrmeister, Hauptlehrer Alb. Bücker, Lehrer Wiemeyer Lehrerin Griese, Lehrerin Heithoff, Lehrerin Herpers, Lehrerin Anna Mensing, Lehrerin Messing, Lehrerin J. Spangemacher

Holsterhausen

Pfarrer Herold, Vikar Rinschede
Rektor Flunkert, Lehrer Kulhorn, Lehrer Schäfer Lehrerin Holtkamp, Lehrerin Nagelhoffer, Lehrerin Stahl

Lembeck

Hauptlehrer Wiemeyer, Lehrer Komatzki, Lehrer Kreis, Lehrer Schenuit Lehrerin Delmann, Lehrerin C. Fischer, Lehrerin A. Salzmann, Forstmeister Joly

Raesfeld

Kaplan Börsting

Rhade

Hauptlehrer Hellmold, Lehrer Wensing Lehrerin Deitner

Üfte

Lehrer Grunewald

Wulfen

Amtmann Kuckelmann, Gemeindevorsteher Rickert Hauptlehrer Bartmann, Lehrer Lippik, Lehrer Wisniowski Lehrerin Börding, Lehrerin Brambrink, Lehrerin Herwers

Die Notwendigkeit der Vereinsgründung sah Kuckelmann als Vorsitzender der Versammlung in den „territoriale(n) Verhältnisse(n) der Herrlichkeit Lembeck zu dem Kreise Recklinghausen“. Im Anschluss an die Einführung durch Kuckelmann fand eine allgemeine Aussprache statt, an der sich „namentlich beteiligten die Herren Hauptlehrer Lammersmann, Erle, Pfarrer Herold, Holsterhausen, welche beide recht „interessante Ausführungen“ über die Tätigkeit des Vereins machten. Im Anschluss an die Ausführungen von Lammersmann und Herold hielt Archivar Dr. Glasmeier einen Vortrag über den „Nutzen eines Vereins zur Erforschung der Geschichte der Herrlichkeit Lembeck und zur Sammlung und Erhaltung von alten Überlieferungen“.

Die Versammlung fasste am Ende den einstimmigen Beschluss, einen Verein für Orts- und Heimatkunde für die Herrlichkeit zu gründen. Die Anwesenden kamen überein, in jeder Herrlichkeits-Gemeinde eine Ortsgruppe zu bilden, deren spezielle Aufgabe darin bestehen sollte, „die Geschichte der Gemeinde zu erforschen, Hand in Hand mit den Nachbargemeinden und den übrigen Gemeinden der Herrlichkeit überhaupt. Die Ortsgruppen bezw. die Vorsitzenden gehören zu dem Vorstande eines für den Gesamtbezirk zu bildenden Vereins für Orts- und Heimatkunde der Herrlichkeit“. Außerdem wurde die Beschaffung eines geeigneten Raumes angeregt, in dem „die gesammelten Sachen untergebracht werden könnten.“ Schließlich verständigte sich die Gründungsversammlung auf den Kreis der Personen, die die Gründung eines Ortsvereins in den sieben Herrlichkeits-Gemeinden in die Wege leiten sollten:

Wulfen

Forstmeister Joly, Hauptlehrer Bartmann, Fräulein Lehrerein Herwers, Lehrer Lippik, Lehrer Kellner

Lembeck

Hauptlehrer Wiemeyer, Lehrerin Fischer, Lehrer Komatzki, Lehrer Kreis, Lehrer Schenuit

Hervest

Pfarrer Vissing

Holsterhausen

Pfarrer Herold

Rhade

Hauptlehrer Hellmold

Erle

Hauptlehrer Lammersmann

Altschermbeck

Hauptlehrer Mürmann, Lehrer Grunewald

Die Leitung des „Gesamtvereins“ sollte der Amtmann innehaben.
Das Protokoll der Gründungsversammlung schließt mit den Bemerkungen: „Die vorgenannten Herren und Damen treten möglichst bald zu einer Besprechung zusammen und unterbreiten alles das, was zur Gründung eines Vereins erforderlich ist, vor. In dieser Besprechung wird auch um das Interesse zu wecken über die Abhaltung von Vorträgen mit Lichtbildern Bestimmung getroffen werden, angeregt wurde auch noch, die Industrie für die Angelegenheit zu interessieren. Die gebildeten Ortsgruppen bezw. die Herren der Ortsgruppen haben geeignete Persönlichkeiten hinzuzuziehen, namentlich sollen auch die Gemeindevorsteher zu den Ortsgruppen gehören. Zu der Besprechung wird der Herr Dr. Glasmeier gebeten. Bemerkt wird noch, dass von Herrn Dr. Glasmeier dem Herrn Hauptlehrer Lammersmann ein Exemplar einer Satzung eines anderen Vereins übergeben wurde.“

Zu dieser Besprechung im Hervester Gasthaus Erwig kamen am 17. Juli 1922 zusammen: Amtmann Kuckelmann und Archivar Dr. Glasmeier; Hauptlehrer Bartmann/Wulfen, Lehrer Lippik/Wulfen, Hauptlehrer Wiemeyer/Lembeck, Lehrer Schenuit/Lembeck, Lehrer Komatzki/Lembeck, Hauptlehrer Lammersmann/Erle, Pfarrer Vrey/Altschermbeck, Lehrer Grunewald/Uefte, Pfarrer Herold/Holsterhausen, Gemeindevorsteher Niermann/Holsterhausen, Kruse/Holsterhausen, Pfarrer Vissing/Hervest, Gemeindevorsteher Rohlof/Hervest, Hauptlehrer Helmold/Rhade, Lehrer Wensing/Rhade.

Als Vorsitzender dieser erneuten „Besprechung des Vereins für Orts- und Heimatkunde der Herrlichkeit“ schlug Kuckelmann die Bildung eines Hauptvorstandes für die ganze Herrlichkeit vor, dem zugleich die Leiter der Ortsgruppen angehören sollten, deren Hauptaufgabe darin bestand, das Interesse für die Orts- und Heimatkunde zu wecken und Mitglieder und Mitarbeiter für den Verein zu gewinnen. Als „Leiter der einzelnen Ortsgruppen“ wurden „bestimmt“:

Besprechung verständigte sich die Versammlung auf Montag, den 17. Juli 1922.

Vereinsgründung

Lembeck Wulfen Erle

Pfarrer Witte, Hauptlehrer Wiemeyer Forstmeister Joly, Lehrer Kellner
Hauptlehrer Lammersmann, Lehrer Sagemüller

1 Archiv des Heimatbundes Herrlichkeit Lembeck und Stadt Dorsten: Protokoll der Sitzung vom 07. Juli 1922.

Rhade Altschermbeck Hervest Holsterhausen

Pfarrer Tillmann, Wensing Pfarrer Vrey, Lehrer Grunewald Pfarrer Vissing, Lehrer Wiemeyer Pfarrer Herold, Rektor Flunkert

Als Vorsitzender des Gesamtvereins wurde der Amtmann des Amtes Wulfen, Kuckelmann, gewählt, zum Kassierer Amtsrentmeister Schwingenheuer und zum Schriftführer Lehrer Lippik. Außerdem wurden Bergw. Assessor Wienke, Brauereibesitzer Rose und Oberrentmeister Niessert von Schloß Lembeck in den Vorstand gewählt. Graf Merveldt auf Schloß Lembeck übernahm auf einstimmigen Wunsch der Versammlung das Protektorat über den Verein. Dem Vorschlag von Archivar Dr. Glasmeier, als Vereinssigel das älteste Wappen der Herren von Lembeck, ein silbernes Kesselblatt, zu führen, stimmte die Versammlung zu. Der Jahresbeitrag wurde vorläufig auf 10 M pro Mitglied festgesetzt. Als „amtliches Publikationsorgan“ bestimmte die Versammlung die „Dorstener Volkszeitung“ und die „Allgemeine Zeitung“ in Dorsten. Dr. Glasmeier wies ferner auf die Zeitschrift ‚Münsterland’ hin und erklärte sich bereit, mit dem Verlag wegen einer monatlichen Beilage zu verhandeln und eventuell einen Vertrag abzuschließen. Hauptlehrer Bartmann/Wulfen beauftragte die V ersammlung mit der Ausarbeitung einer V ereinssatzung, deren Prüfung und Korrektur/Ergänzung Dr. Glasmeier vorbehalten blieb. Die Gesichtspunkte für das Arbeitsgebiet, die Pfarrer Herold bereits zu einem früheren Zeitpunkt für Holsterhausen dargelegt hatte, wollte Dr. Glasmeister für die ganze Herrlichkeit vereinheitlichen. Der Adelsarchivar forderte am Ende der Versammlung dazu auf, „auf allen Notizen, die von den einzelnen Mitgliedern gemacht würden, die Quellenangabe zu bezeichnen, da dieselben andernfalls vollkommen wertlos seien. Ferner sei die Ansammlung von Bildern u. Photographien von großer Bedeutung, damit das jetzige Heimatbild, welches durch die vorrückende Industrie vollkommen geändert werde, der Nachwelt erhalten bliebe.“2

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Dorstener Wochenblatt Mittwoch, 18. Juli 1888
Dorsten, 16. Juli 1888.

Auf Einladung des Herrn Bürgermeisters Middendorf hat am verflossenen Sonntag im Hotel König hierselbst Herr Amtmann Schrakamp aus Dattel vor einer zahlreichen Versammlung einen interessanten und lehrreichen Vortrag über die Vorgeschichte des Vestes Recklinghausen gehalten.

Herr Schrakamp, welcher durch seine eingehenden Forschungen auf dem Gebiethe der Alterthumskunde sich bereits in weiteren Kreisen einen wohlverdienten Ruf erworben hat, hob hervor, daß durch das Aufsuchen und Conserviren von Alterthümern jeder Art wertvolle Fingerzeige bezüglich der Culturgeschichte eines Volkes gegeben würden und daß es daher Aufgabe aller derer, welche ein regeres Interesse für Ihre Heimat besäßen, sein müsse, solchen Alterthümern nachzuforschen, wo dieselben sich immer finden mögen.

Das Haupthinderniß zur Verwirklichung dieser Bestrebungen läge darin, daß die große Masse der Bevölkerung keine Ahnung von der Bedeutung solcher Funde und dieselben als werthlos vernichte oder bei Seite schiebe.
Aber auch die Wenigen, welche hiervon eine Ausnahme machten, behielten die Funde gewöhnlich in ihrem eigenen Gewahrsam, so daß sie der gemeinsamen Forschung verloren gingen.

Herr Schrakamp erwähnte sodann den großen Reichthum, welchen im Besonderen Dorsten und dessen nächste Umgebung an derartigen Alterthümern biete und schlägt schließlich vor, daß alle Diejenigen, welche ein Interesse für die Sache bekunden, zu einem Vereine zusammentreten sollen, um die aufgefundenen und aufzufindenden Alterhümer an einer gemeinsamen Sammelstelle zu vereinigen.

Der Redner hofft, daß sich das Netz dieses Vereins sehr bald über das ganze Vest Recklinghausen ausdehnen werde und stellt sich die Sache so vor, daß sich in den einzelnen Hauptorten Sectionen bilden werden, welche zusammen den Verein für Alterthumskunde des Vestes Recklinghausen darstellen würden.

Nachdem Herr Bürgermeister Middendorf dem Herrn Redner für seinen anregenden Vortrag den Dank der Versammlung ausgesprochen, entspann sich eine lebhafte Discussion über den in Frage stehenden Vorschlag und wurde schließlich einstimmig beschlossen, einen solchen Verein für Dorsten ins Leben zu rufen. Ueber 50 Personen, welche allen Ständen der Gesellschaft angehörten, erklärten durch Namensunterschrift sich zur Mitgliedschaft des neuen Vereins, über dessen specielle Ziele und Aufgaben noch weitere Angaben zur Veröffentlichung gelangen werden.

 

Dorstener Wochenblatt, Samstag, 8. September 1888

„Dorsten, 7. Sept. Der vor Kurzem hier gegründete ‚Verein für Orts- und Heimatskunde’ entwickelt in letzter Zeit einen regen Eifer. Tag für Tag ziehen Mitglieder in großen Schaaren mit Spaten bewaffnet aus, um unserem althistorischem Boden, der schon so manches Mal Zeuge großer weltgeschichtlicher Ereignisse gewesen ist und auf ein Jahrtausend echt westfälisch-christlichen Kleinlebens zurückblickt, Denkmäler an unsere Altvorderen abzugewinnen. Zunächst hat man einen auf der Grenze der Bauerschaften Wenge (Kirchspiel Hervest) und Sölten (Kirchspiel Wulfen) belegenen Grabhügel aus heidnischer Zeit umgegraben. Außer den Resten mancher anderen hat man dort 9 ziemlich gut erhaltene Urnen aufgefunden, in denen einst unsere heidnischen Vorfahren die Asche der Leichen zur letzten Ruhe betteten. Alle gefundenen Urnen sind von verschiedener Größe und Form. Eine derselben weist noch Henkel auf, während eine andere auf 4 Füßen ruht. Ohne Erfolg blieb dagegen bisher ein Ausflug zu dem sog. ‚Cäsars-Lager’. Daneben hat der Verein auch schon eine große Anzahl alter Münzen, Urkunden und einige andere Sachen erworben. Wie wir hören, beabsichtigt derselbe, die Sache an einem geeigneten Platze in Dorsten Allen zugänglich zu machen, wenn sich bei unseren Mitbürgern das genügende Interesse zeigt. Gerade in unserer Gegend, wo seit Jahrhunderten mit dem Hofe sich auch das Inventar desselben von Geschlecht zu Geschlecht vererbt hat, werden unseres Erachtens auch noch manche passenden Schätze, erhalten sein. Gar manche alte Truhe oder Kiste findet sich z.B. da noch auf der ‚Rumpelkammer’, die der zerstörende Holzwurm schon lange ihrem eigentlichen Berufe entfremdet hat. Vielleicht gönnt ihnen der Landmann aus achtbarer Ehrfurcht vor seinen Ahnen dort zwischen anderen unbrauchbar gewordenen Sachen noch ein Ruheplätzchen, bis sie vollends dem Zahne der Zeit zum Opfer gefallen sind; vielleicht sind aber auch schon manche derselben als Brennholz in den Ofen gewandert, nur damit sie nicht weiter nutzlos den Raum einnehmen. Für den Einzelnen haben solche Sachen eben gar keinen praktischen Werth. Gesammelt und für alle zur Ansicht ausgestellt, würden sie uns dagegen beredte Denkmäler für den Schönheitssinn unseres alten westfälischen Bauernstandes bilden, sowie für die Kunstfertigkeit unserer alten Handwerker, an denen sich unsere jungen Arbeitskräfte vielfach noch ein Muster nehmen könnten. Hoffentlich werden diese Zeilen dazu mitwirken, Eifer für die schöne Sache auch in weitere Kreise unserer Stadt hineinzutragen. Dem jungen Vereine aber wünschen wir ein herzliches ‚Glück auf’.“

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