Verein für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V.

Dorstener Schützenwesen in der NS-Zeit

Dr. Godehard Lindgens

Buchbesprechung:
Henning Borggräfe: Schützenvereine im Nationalsozialismus. Pflege der „Volksgemeinschaft“ und Vorbereitung auf den Krieg (1933 – 1945) (=Forum Regionalgeschichte, Bd. 16), Ardey-Verlag, Münster 2010, 128 S., brosch., 12,90 €
ISBN 978-3-87023-110-1

Am 4. Februar 2010 hat Henning Borggäfe im Rahmen einer Kooperations-Veranstaltung des Trägervereins Altes Rathaus und des Jüdischen Museums Westfalen einen Vortrag gehalten zum Thema: „Feiern und Schießen für das Regime? Schützenvereine im Nationalsozialismus“. Grundlage war die oben genannte Schrift, die der Autor schon im Dezember 2009 abgeschlossen hatte, nachdem sie als Magisterarbeit entstanden und mit dem „Preis an Studierende“ der Ruhr-Universität Bochum ausgezeichnet worden war.
Der Autor fordert im Vorwort die Öffentlichkeit auf, sich mit der Vergangenheit der Vereine und Verbände auseinanderzusetzen, und regt an, gerade nach der Gewalttat von Winnenden 2009 „diese Diskussion wieder aufzunehmen“ (S. VII).
Das will ich tun, indem ich die Schrift mit der Geschichte des Bürgerschützenvereins Dorsten-Hardt konfrontiere, an dessen Spitze mein Vater Peter Lindgens von 1936 bis zu seinem Todesjahr 1971 stand und 1934 erster Schützenkönig in der Nazizeit war.
Zum 50. Jubiläum des Schützenvereins 1958 hat Peter Lindgens eine ausführliche Chronik verfasst, die nachher zweimal vom Verein abgedruckt wurde und zwar 1982 zum 75. Jubiläum und 2008 zum 100. Jubiläum. Außerdem nimmt die Chronik des Allgemeinen Bürgerschützenvereins Dorsten 2009 auf diese Chronik von 1958 Bezug und nennt den „Obersten Lindgens, der die Vereinsfahne über den Krieg gerettet hatte und sie beim ersten Schützenfest 1950 wieder zur Verfügung stellen konnte (Festschrift Nr. 7, S. 199).
In dem Progamm-Flyer des Trägervereins werden unter der Nr. 4 der Veranstaltungen die wesentlichen Punkte genannt, die die Bedeutung der Schützenvereine für das Zusammenleben in der Gemeinschaft unterstreichen: Heimatverbundenheit, Traditionsbewusstsein und Feierlaune in der Bevölkerung.
Hinzu kommt die alte Praxis des Schießens mit Gewehren auf Scheiben oder Schützenvögel, mit dem der Schützenkönig ermittelt wurde, wobei der „Endkampf“ oft eine Farce war; denn nicht der so genannte beste Schütze wurde König, sondern derjenige, der nach dem Willen des Vorstandes König werden sollte, um den gesamten Schützenverein zu repräsentieren. Mein Vater, seit 1920 Lehrer an der Overbergschule auf der Hardt, hatte selbst mit dem Schießen nicht viel im Sinn, hatte mit Gewehren sehr wenig zu tun, wurde aber 1934 Schützenkönig, weil man der Auffassung war, er könnte in dieser Zeit des herrschenden Nationalsozialismus mit den Problemen am besten fertig werden. Seit Oktober 1933 war er Leiter des Luftschutzes in Dorsten, Mitglied der NSDAP wurde er erst 1937 und zwar – wie er 1945 schrieb – „ohne Mitgliedsbuch“, was wohl heißen sollte, dass die Partei zögerte, ihm ein Mitgliedsbuch zuzustellen. Er selbst schreibt in seiner Chronik – ich zitiere nach der letzten Fassung aus der Festschrift des Hardter Schützenvereins von 2008 – von der „Ertüchtigung im Schießen“ als „Hauptaufgabe der Schützenvereine“, wie es die NSDAP 1937 zur „Neuordnung des deutschen Schützenwesens“ vorgegeben hatte. Borggräfe nennt daher zu recht in seinem Flyer „zwei Kernziele des NS-Regimes: die Realisierung der sog. Volksgemeinschaft und das Schießen als Vorbereitung auf den Krieg“.
Noch zweimal feierten die Hardter in der Nazizeit ein Schützenfest: 1936 holte der 77jährige pensionierte Hauptlehrer Otto Erley „beim 267. Schuss den Vogel von der Stange“ (S. 20), 1938 beim letzten Schützenfest vor dem Krieg hatten sich die Verhältnisse so eingespielt, dass der Bäcker Paul Schult aus dem damaligen Gahlen-Östrich, das heute wie die Hardt zu Dorsten gehört, mit dem 192. Schuss Schützenkönig werden konnte. Schon damals konnte niemand Schützenkönig werden, der der NSDAP in Dorsten nicht genehm war. Noch am 18. 9. 1938 fand beim Festwirt Anton Schürhoff, der zum Schießwart des Schützenvereins avanciert war, eine Nachfeier statt, zu der der Chronist schreibt: „Trotz der gespannten politischen Lage verlebten die Schützen mit ihren Familien einige schöne Stunden in kameradschaftlicher Runde“ (S. 23). Nach Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 fanden keine Veranstaltungen mehr statt. Die letzte war am 20. April 1939, auf der nach dem Willen der Nazis „der Ausbau der Schießgruppe“ beschlossen wurde, die „schöne Erfolge erzielen konnte“ (s.o.). Der Chronist schreibt dazu: „Die in bestimmten Abständen stattfindenden Veranstaltungen waren das Opferschießen im Dienste der Allgemeinheit sowie das Wanderschießen unter den Dorstener Vereinen“ (s.o.).
Feiern und Schießen im Hardter Schützenverein in der Zeit des Nationalsozialismus
Henning Borggräfes wissenschaftliches Interesse richtet sich auf zwei „historische Themenbereiche“: die Geschichte des organisierten Nationalismus sowie die Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus (s. VII im Vorwort). Dies erläutert er zentral in seinem Kapitel E. über die Gemeinschaftspflege für „Volksgemeinschaft“ und „Führer“ (S. 57 – 74). Der Gauschützenführer Lühn gibt 1938 die Parole der Nazis aus: „Das Ziel der Partei ist es, und das muss auch unser Ziel sein, die Volksgemeinschaft herzustellen“ (S. 57). Dazu dienen wesentlich die mehrtägigen Schützenfeste, die „für die meisten westfälischen Städte und Gemeinden den Höhepunkt des Festtagskalenders (markierten)“ (S. 58). Seit jeher ist es Aufgabe der Schützenvereine, „echt bürgerlichen Gemeinsinn sowie treues, inniges Zusammenleben zu pflegen und zu fördern“, wie es in der Satzung des Hardter Schützenvereins von 1908 heißt (§2). Der § 1 dieser Satzung nennt die „Bauernschaft Hardt“ den Träger des Vereins, da die Bauern auf der ländlichen Hardt die bestimmende Bevölkerungsgruppe ausmachten, wenn sie auch „durch das Aufblühen der Industrie um die Jahrhundertwende einen bedeutenden Einwohnerzuwachs (erhielt)“, wie es der Chronist 1958 vermerkt. So waren die meisten Vorstandsmitglieder „Ökonomen“, wie die Landwirte damals genannt wurden, um deutlich zu machen, dass der wichtigste Teil der Ökonomie die Landwirtschaft war. Neben den Bauern kamen noch andere Berufe infrage, um den nationalen Zusammenhalt zu dokumentieren. Der Chronist schreibt dazu: „Der Arbeiter und Bergmann waren in diesem Vorstand ebenso vertreten wie der Bauer und der Geschäftsmann, - Klassenunterschiede angesichts der Gemeinschaft der Hardter Familie hatten keine Existenzberechtigung“ (S. 11).
Der langjährige Stadtbürgermeister von Dorsten, Paul Schürholz, kommt in seinem Geleitwort zum 50. Jubiläum auf dieses Thema zurück, wenn er für 1958 festhä1t: „Der Arbeiter und der Angestellte, der Kaufmann und der Handwerker, der Bauer und der Bürger. Hier kennt man keinen Unterschied in der Lebenshaltung und Lebensauffassung“ (S. 3 der ersten Chronik). Weiter werden in diesem Geleitwort „Bürgersinn und Heimattreue“ angesprochen und das Schützenfest als ein „Fest der Ordnung, der Einigkeit und des Frohsinns nach unserer Väter Art und Sitte“ angepriesen. Das waren Begriffe, die auch für die Vergangenheit galten und die sich die Nationalsozialisten zunutze machten, um ihren Begriff der Volksgemeinschaft“ herzustellen, der die „künstlichen Schranken, die Schranken der Klassen und Stände, der Parteien und Konfessionen“ überwinden sollte, damit der Festteilnehmer zum wahren „Volksgenossen“ werden konnte, den die Nazis für den „Führer“ begeistern konnten. (Siehe Borggräfe, S. 58). Borggräfe schildert in seiner Schrift ausführlich die Schützenfeste in den Städten Lünen, Lippstadt und Hattingen, die alle die Funktion hatten, die „Volksgemeinschaft“ im Sinne der Nationalsozialisten herzustellen, was z. B. auch in der „Hochburg der Arbeiterbewegung“, in der Stadt Lünen, gelungen ist. Borggräfe zitiert dabei die Presse in Lünen, die in aller Deutlichkeit diese Funktion der Schützenfeste herausstreicht: „Unser Schützenfest hat eine ganz besondere Mission zu erfüllen. Wir wollen, getreu dem Willen des Führers, dass auch in Lünen der Begriff der Volksgemeinschaft nicht auf leeren Worten aufgebaut ist. Wir wollen zeigen, dass in Lünen der Arbeiter Hand in Hand mit dem Mann der Feder, mit dem Kaufmann und dem Akademiker geht. Wir wollen, dass diese Tage einen erzieherischen Wert haben“ (S. 60).

Es ist schon interessant, dass die ausführlichen Chroniken Nr.6 und 7, die jeweils über fünf Jahrhunderte aus dem Stadt- und Schützenwesen der Stadt Dorsten berichten wollen, die Zeit von 1933 bis 1945 mit keinem Wort erwähnen. Die Chronik Nr. 6 bringt Thronbilder aus den Jahren 1927 und 1929, dann schweigt sie und beginnt erst wieder nach 1945. Die Arbeit im Stadtarchiv könnte aufschlussreicher sein. Dagegen unterrichtet die Chronik des Hardter Schützenvereins eingehend über die drei Schützenfeste 1934, 1936 und 1938 und schreibt auch noch über das Jahr 1939.

Die Chronik spricht eine deutliche Sprache über das Schützenfest auf der Hardt in der Zeit vom 30. Juni bis 2. Juli 1934, an dem das 25jährige Jubiläum gefeiert wurde: „Es war die Zeit der Röhmaffäre“ (S.16). Der Chronist selber errang auf dem Schießstand im Holsterhausener Kriegerverein die Königswürde: „Geschlossen wurde abmarschiert, vorbei an der Zeche Baldur, durch Dorsten zum Festzelt. - Dort erhielt man Kunde von der augenblicklichen unsicheren politischen Lage, und der damalige Leiter der NSDAP teilte kurzerhand mit, dass jede Feier im ganzen Reich verboten sei. Noch in derselben Nacht begab sich eine Abordnung nach Recklinghausen zur Kreisleitung und erwirkte nach langwierigen und schwierigen Verhandlungen die Erlaubnis, das Jubelfest feiern zu dürfen“ (S. 17). Also ging das Feiern weiter, der Chronist fühlt sich im Nachhinein nicht ganz wohl und schreibt dazu: „Da fast niemand von dem Ernst der Lage unterrichtet war, blieb man bis zur frühen Morgenstunde getreu der Devise: Einigkeit, Frohsinn, Gemütlichkeit beisammen“ (S.17). In der Urfassung steht in Klammern die richtige Bemerkung: „In derselben Zeit fanden Hunderte von Menschen den Tod. Unwillkürlich kommt einem dabei der Spruch des früheren Präsidenten des Olympischen Komitees, Avery Brundage ‚ in den Sinn, der nach dem Massaker bei den Olympischen Spielen 1972 in München sagte: „The show must go on.“ So strömten die Menschen, wie es heißt, „von fern und nah“ zum Festzelt und „in den späten Abendstunden war das Zelt bis auf den letzten Platz besetzt“ (s.o.). Die Krönungszeremonien nahm wie damals und heute üblich ein Vertreter des Staates vor, um dem Fest auch einen öffentlichen Charakter zu geben. Zu dieser Zeit war es der NS-Bürgermeister Dr. Josef Gronover, der den Zentrumsmann Franz Lürken 1933 vertrieben hatte und jetzt als Vertreter der Stadt fungierte: „In vorgerückter Stunde traf Bürgermeister Dr. Gronover ein, um dem Königspaar und dem Verein als Vertreter der Stadt Glückwünsche zu übermitteln“ (S. 18). Der Besuch macht deutlich, dass die NSDAP die Schützenfeste schon 1934 fest in ihr Programm einordnete, und er findet wohl die passenden Worte, um sich der Bevölkerung zu empfehlen, denn der Chronist berichtet: „Er selbst, ein Bauernsohn, richtete in Plattdeutsch einige Worte an den Verein, in denen zum Ausdruck kam, dass er sich gerade dort wohlfühle, wo man noch alte Sitten und Gebräuche hochhalte. Der Beifall bewies, dass die Hardt auch treu zum Oberhaupt der Stadt hält“ (S. 18). Wenn auch der Text im Nachhinein erst 1958 entstanden ist, also 13 Jahre nach Ende der Nazizeit, so schildert er doch die Situation 1934 zutreffend. Die Hardter Bevölkerung, die sich im Festzelt aufhält, anerkennt den von der NSDAP bestimmten Bürgermeister, zumal er die bäuerliche Gesellschaft in Plattdeutsch anredet und auf die „alten Sitten und Gebräuche“ anspielt, die auch für die Nazis maßgeblich sind, wenn sie ihren Beitrag für die „Volksgemeinschaft“ leisten. Dabei muss man wissen, dass auf keinem der vielen Schützenfestbilder Hakenkreuzfahnen zu sehen sind. Die einzigen Bilder, die auf die Nazizeit hinweisen, zeigen Personen, die in angetretener oder marschierender Formation den Hitlergruß entbieten, wobei es ausschließlich Honoratioren sind, wie zum Beispiel der Pfarrer von St. Agatha auf dem Marktplatz, Ludwig Hemming, der mit anderen den Hitlergruß zeigt, während andere Honoratioren der Stadt auf ihn verzichten.
Vom Hitlergruß und den Hakenkreuzfahnen schreibt Borggräfe in seiner Schrift, dass sie schon in der „braunen Hochburg“ Hattingen in der „ehemaligen Bastion der Linken“ Lünen und in dem „katholischen Lippstadt“ reichlich Anwendung fanden, wenn auch in Lünen „flächendeckend“ erst seit 1936 (S. 62-63). Was bei der Szene mit dem NSDAP-Bürgermeister auf der Hardt anklang, drückt die „Schützenwarte“ des Westfälischen Schützenbundes so aus: „Die Brücke vom Vergangenen, von den geheiligten Überlieferungen bis zur reichbewegten Gegenwart und zur aufdämmernden Zukunft wurde geschlagen“ (S. 62).

Der „Hitler-Mythos“ als wesentlicher Teil der Programmatik und Symbolik der Schützenvereine

lan Kershaw, der wichtige Historiker des Nationalsozialismus, den Borggräfe zitiert, hat ein bedeutendes Buch mit dem Titel verfasst:
„Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, München 2002“. Dabei beruft sich Borggräfe auch auf Hans-Ulrich Wehler („Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, München 2003), der von dem „Phänomen Führermythos“ spricht (S. 67).

Alle nach 1945 geschriebenen Chroniken und Festschriften, wenn sie über ihre jahrhundertealte Tradition sprechen, „kennen“ den Namen „Hitler“ überhaupt nicht, auch nicht die Zeit von 1933 bis 1945, nur die Chronik des Hardter Schützenvereins spricht von dieser Zeit, auch in ihr kommt der Name Hitler nicht vor, der aber in einem Dokument genannt wurde, das sich bei den Unterlagen meines Vaters befand: Es handelt von dem Opferschießen am 3. April 1938. Davon soll später berichtet werden.
Zunächst berichtet die Hardter Chronik von der Generalversammlung des Schützenvereins vom 7. März 1937, in der der Oberst Lindgens von der Kreistagssitzung in Recklinghausen unterrichtet, auf der die NSDAP eine „Neuordnung des deutschen Schützenwesens“ proklamierte: „Deutschland wurde in Schützengaue, Kreise und Unterkreise geteilt. Der Gau Westfalen zerfiel in 16 Schützenkreise. Der Schützenkreis 4 umschloss den Landkreis Recklinghausen und die Stadtkreise Recklinghausen, Gladbeck und Bottrop. Die neuen Bestimmungen sahen auch neue Uniformen, Richtlinien für Beförderungen, neue Beiträge, Schießkarten und Schießwarte vor“ (S. 21). Schwerpunkt der Schützenvereine sollte das Schießen sein, also „das Schießen für den Führer“, d.h., für das NS-Regime als Vorbereitung für den Krieg, wie es in dem Vortragsthema vom 4. Februar 2010 noch mit einem Fragezeichen versehen ist. Das Schießen, das zur alten Tradition der Schützenvereine gehörte, denn Schütze und Schuss haben sprachlich einen gemeinsamen Ursprung, sollte als Vorbereitung für den von Hitler geplanten Krieg herhalten. So fand dann am 6. Juli 1937 beim neuen Schießwart Anton Schürhoff auf dem Hardtberg ein Preisschießen statt, an dem sich auch Frauen zu beteiligen hatten. Wie bei Schützenfesten König und Königin ermittelt wurden, errangen jetzt Schützenmeister und Schützenmeisterinnen ihre Würde. Die Chronik berichtet in diesem Zusammenhang auch von den Feierlichkeiten des Dorstener Schützenfestes, das jeweils um ein Jahr versetzt in der Stadt gefeiert wurde, also diesmal am 1. August 1937, von diesem Fest und von allen anderen Festen während der Nazizeit ist in keiner der dickleibigen Chroniken der Stadt Dorsten die Rede, auch nicht in den Berichten der angrenzenden Schützenvereine, deren Jahrhundertjubiläen die Dorstener Festschrift abdruckt, nämlich von Altendorf-Ulfkotte, Rhade, Wulfen, Lembeck, Dorsten-Feldmark 1 und II und Deuten (S. 184 – 201).
So können wir davon ausgehen, dass auf allen Schützenfesten in der Nazizeit dem „Hitler-Mythos“ mehr oder weniger die Ehre gegeben wurde, wie z. B. Borggräfe den Vorsitzenden des Westfälischen Schützenbundes, Ernst Nienhausen, zitiert, der den Schützentag von 1936 mit der Aufforderung abschloss: „Ich bitte Sie, sich zu erheben und zur Bekräftigung unseres Gelöbnisses mit mir zu rufen: Adolf Hitler -Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg heil!“ (S.65).
Wie Wehler gesamtgesellschaftlich und Kershaw speziell für den „Hitler-Mythos“ feststellen, trat dieser besonders im Rahmen der Außenpolitik seit 1936 in den Mittelpunkt, an dem sich auch die Schützen beteiligten ‚ um ihre Verehrung für Hitler zum Ausdruck zu bringen. Dazu dienten die „vom Führer eingeforderten Plebiszit“ (Borggräfe S. 65). So berichtet Borggräfe auch vom Aufruf der NSDAP zur „Volksabstimmung“ über den „Anschluss Österreichs“ am 10. April 1938, also von dem Ereignis, zu dem das „Opferschießen“ im Hardter Schützenverein stattfinden sollte. Der Aufruf ist unterzeichnet mit „Heil Hitler! gez. Lindgens, Schützenoberst“. Er lautet mit dem Kernsatz:
„Wir schiessen und kämpfen an diesem Tage für Adolf Hitler und sein grosses Deutschland!“ Ich hatte immer die Vermutung, dass diese Diktion nicht dem Sprachgebrauch meines Vaters entspricht, und fühle mich bestätigt durch Borggräfes Hinweis, dass dieser Text von der westfälischen Gauführung vorgegeben war und der Gauführer Bernhard Lühn die Schützenvereine aufforderte, „aktiv in das politische Geschehen einzugreifen und unter Beweis zu stellen, wes Geistes Kind sie sind (S.66). „Unter der Parole ‘Wir schießen und kämpfen für Adolf Hitler und sein großes Deutschland!‘ sollten die Schützen eigene Propagandamärsche durchführen“ (s.o.). Borggräfe schreibt dazu:
„Berichte über derartige Veranstaltungen sind nicht überliefert“ (s.o.). Zum Schluss des Hardter Dokuments steht der dringende Appell:
„Dass am 10. April jeder Schütze dem Führer und Gründer des Grossdeutschland seine „Ja“ Stimme, und zwar möglichst morgens bis 13 Uhr, gibt, ist selbstverständlich. Zu dem Abends stattfindenden Fackelzug treffen wir uns eine ¼ Stunde vorher beim Vereinswirt Krietemeyer.“
Der Hinweis auf den Vereinswirt Krietemeyer deutet darauf hin, dass diesen Fackelzug im Sinne der Nationalsozialisten die Hardter Schützen auf eigene Verantwortung durchgeführt haben und sie nicht in den Propagandamärschen der NSDAP aufgegangen sind. Über die Orte des Schießens am 2. April sind genaue Anordnungen mit dem Aufruf verbunden worden: „Das Schießen beginnt am Samstag, dem 2. April in den Lokalen: Krietemeyer, Elbers, Kleinespel und Schürhoff und endet am Sonntag, dem 3.4. abends 22 Uhr. Es sind viele, schöne Preise ausgesetzt. Jeder Schützenbruder hat die Möglichkeit, einen für sich zu erkämpfen.“ Damit sollen die Schützenbrüder angelockt werden, sich an dem Propagandaschießen zu beteiligen. Vorher wird ihnen noch im Text eingehämmert, sie hätten den Beweis zu führen und zu bekräftigen, „dass wir gewillt sind, uns restlos für die nationalsozialistische Idee unseres Führers einzusetzen.“ „Wir kämpfen an diesem Tage gegen Hunger und Not und mit noch größerem Einsatz für unseren Glauben an Deutschland.“
Diese Texte sind in ihrer nationalsozialistischen Diktion eindeutig und geben Kunde von der Anpassung des Hardter Schützenvereins und seines Vorsitzenden, wenn er auch den Sprachduktus persönlich nicht zu verantworten hat. Aber „das Heulen mit den Wölfen“ fand statt. Im Hintergrund stand die Befürchtung, ohne Anbiederung an die NSDAP könnte das für Juli beschlossene Schützenfest nicht stattfinden.
Was Borggräfe für die Schützenvereine allgemein in Westfalen und besonders für die Städte Lünen, Hattingen und Lippstadt schreibt, trifft auch auf den Hardter Schützenverein zu: „Die Schützen standen zum ‚Führer’ und unterstützten und aktivierten den Mythos, den die Propaganda um ihn entfaltete, in ihren Strukturen nach Kräften“ (Borggräfe, S. 66).

Von „Opferschießen“ im Krieg ist nichts weiter bekannt, Borggräfe aber schreibt vom „Opferschießen“ für das „Winterhilfswerk des deutschen Volkes“ (WHW) und im Rahmen der „nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) und von guten Sammelerfolgen in katholisch geprägten Gebieten – „möglicherweise dem katholischen Caritas-Gedanken geschuldet“ (S.71), was mit der allgemeinen Resistenz-Forschung im Widerspruch steht, die dem Katholizismus eine gewisse Widerständigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus zuspricht. Aber die guten Sammelergebnisse haben im Wesentlichen mit dem sozialgesellschaftlichen Engagement von Katholiken zu tun.
Mit Blick auf die Gemeinschaftspflege und das gesellschaftliche Engagement der Schützenvereine in Westfalen schreibt Borggräfe zum Abschluss dieses Kapitels E: „Ohne ihre vor 1933 etablierte Praxis grundlegend ändern zu müssen, trieben die Schützen die viel wichtigere Arbeit an ‚Volksgemeinschaft‘ und ‚Hitler-Mythos‘ ob mit neuer oder alter Uniform im Rahmen der Anforderung des Regimes tatkräftig voran“ (S.74).

Nach 1945 wurden die Schützenvereine nicht zu denjenigen gezählt, die sich durch den Nationalsozialismus diskreditiert hatten, so kann also der Chronist des Hardter Schützenvereins die Wiederbelebung des Schützenwesens ansprechen, wenn er es für wünschenswert, ja nötig hält, „wieder jene Kräfte und Hilfen einzusetzen, die schon seit jeher um die soziale und nationale Gesundung aller Volksschichten sich ernstlich und verdienstvoll bemüht hatten, die Schützenvereine“(S. 2).
Deshalb sind die Chroniken der Schützenvereine in Dorsten und Umgebung voll von Berichten über glanzvolle Schützenfeste nach 1945, die zuerst in Dorsten-Hardt 1950 und dann in Dorsten 1950 begannen. Reichlich Bildmaterial in Schwarz-weiß und bunt zeigt diese Tradition bis in die heutige Zeit.
Das ausgezeichnete und detailreiche Buch von Henning Borggräfe, das in seiner ausführlichen Literaturliste den wissenschaftlichen Stand der Forschung zeigt, und zwar in allen Bereichen von Politik und Gesellschaft bietet eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der Geschichte der Schützenvereine in unserer näheren und weiteren Umgebung, auch und besonders was die „dunkle Zeit“ zwischen 1933 und 1945 betrifft.
Man kann den Beteiligten an der Ruhr-Universität Bochum und dem LWL-Institut für Regionalgeschichte nur dankbar sein, dass die Arbeit des jungen Historikers Henning Borggräfe in dieser Form erscheinen konnte.
 

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